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herumreisender SolistInnen soll hier nicht vernachlässigt werden, bot damals aber
nur für eine kleine Zahl ernsthaft Studierender eine Existenzmöglichkeit. Ein Bei-
spiel für den Übergang vom Solistendasein zur gesicherten Stelle findet sich in der
Erzählung des Cellisten Paul Grümmer:
Die Begegnung mit Hans Richter in London und dem Werke Richard Wagners erschloß
mir eine völlig neue Welt. Sie machte einen so tiefen Eindruck auf mich, begeisterte
mich so sehr, daß ich im Jahre 1905 den Entschluß faßte, meine ‚feudale‘ Lebensweise als
Solist und Gesellschaftsmensch aufzugeben, den Beruf des Orchestermusikers zu wählen
und mich ganz in die Welt der symphonischen Musik zu vertiefen. Dieser Entschluß war
gleichzeitig im Sinne meines Vaters, der mich gern in einer gesicherten Lebensstellung
gesehen hätte. Ich wurde nun bald 25 Jahre alt, und er fand, es sei Zeit, die bürgerliche
Sicherheit zu erwählen.21
Hier gaben sowohl materielle als auch musikalische Vorteile der Stelle gegenüber
dem freien Solistendasein den Ausschlag zum Wechsel.
Das ernsthafte Studium stand eng im Zusammenhang mit der „Befreiung“ von
anderen Arten, den eigenen Unterhalt zu verdienen. Die hier Erzählenden erwähnten
weder andere Arbeits- oder Unterhaltstätigkeiten noch andere Berufsausbildungen.
Diejenigen unter ihnen, die doch andere Arbeitstätigkeiten ausführten, brachten
diese zumindest nicht mit ihrer musikalischen Tätigkeit in Zusammenhang (ein
Zugeständnis an die Ungestörtheit des musikalischen Studiums). Sein Leben der
Musik und nur der Musik zu verschreiben – dieses Narrativ durchzog die Erzäh-
lungen, die stark positiv hinsichtlich der Orientierung des ernsthaften Studiums
positioniert waren. Das Fehlen anderer Unterhaltstätigkeiten und der dazugehörigen
Ausbildungen zeigte hier den ausschließlichen Wunsch nach Musizieren an, ebenso
wie die Möglichkeit, ohne andere Unterhaltstätigkeiten zu überleben – sei es dank
vermögender Verwandtschaft oder ausreichenden Einkommens durch das Musi-
zieren – die Voraussetzung für eine derartige Lebens- und Erzählweise darstellte.
Der Verzicht auf andere Unterhalte konnte auf verschiedene Art und Weise kom-
pensiert werden. Artur Schnabel etwa wurde (im alten Patronagesystem) ob seines
außergewöhnlichen Talents während der Zeit seiner musikalischen Ausbildung von
privaten Gönnern gefördert.22 Auch das Musizieren als Unterhaltsform in weniger
angesehenen Kontexten fand in mehrere Erzählungen Eingang. Sofern es sich dabei
nur um den Einstieg in die Welt des bezahlten Musizierens handelte, passte die
Erwähnung dieser „niedrigen“ Auftritte durchaus in das legitime Erzählmuster des
21 Grümmer, Begegnungen, 51.
22 Schnabel, Pianist, 20.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur