Page - 193 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Image of the Page - 193 -
Text of the Page - 193 -
Die Orientierung des populären Erfolges nahm positiven Bezug auf Kunst und
negativen Bezug auf Beruf. Damit soll nun nicht gesagt sein, dass die hier Erzäh-
lenden ihr Musizieren niemals als Beruf benannt hätten. Doch erzählten sie ihr
Musizieren auf eine Art und Weise, die von der Referenz des Berufs (wie er in Kapi-
tel 6 skizziert wurde) stark abwich. Das Musizieren des/der populär Erfolgreichen
wurde präsentiert als eine Tätigkeit, in der Privatleben und Arbeitsleben eigentlich
nicht mehr voneinander unterschieden werden konnten. So wechselten sich in den
Erzählungen von Lotte Lehmann oder Leo Slezak Beschreibungen von Auftrit-
ten nahtlos ab mit Anekdoten aus dem Privatleben oder Beschreibungen von Frei-
zeitaktivitäten. Doch im Gegensatz etwa zum ernsthaften Studium war der Inhalt
dieses ‚ganzen Lebens‘ nicht vorrangig die Musik. Die Relation aus dem Erzählen
des ‚ganzen Lebens‘ (als negativer Bezug auf Beruf) und dem individuellen Umgang
mit der Musik (als positiver Bezug auf Kunst) war ein Praktizieren des Musizierens,
das gleichwertig neben Familie, Reisen oder anderen Tätigkeiten stand. Musizie-
ren war hier viel eher eine Lebensart – heute würde man sagen: ein Lebensstil –
als eine vom übrigen Leben klar abgegrenzte Tätigkeit. Vor allem aber wurde der
populäre Erfolg eher als flüchtiges Vergnügen präsentiert
– hier ein Musikfest, dort
ein Gastauftritt – denn als kontinuierliche Beschäftigung mit der Musik, ganz im
Gegensatz etwa zur Referenz des ernsthaften Studiums, aber auch im Gegensatz
zum Der- Musik- treu- Bleiben.
Die Orientierung des populären Erfolges stellte in Bezug auf eine Hierarchie der
Legitimität eine Orientierung der Prätention dar. Damit ist gemeint, dass populär
Erfolgreiche die Legitimität der ernsthaft Studierenden zu nutzen versuchen, ohne
diesen anzugehören.61 Populärer Erfolg beinhaltete Praktiken, die positiv auf die
Referenz der Kunst (wie für die erste Dimension beschrieben) Bezug nahmen. In
diesem Sinne bestand kaum ein Unterschied zwischen ernsthaftem Studium und
populärem Erfolg. Die Bezeichnung des populären Erfolges als Prätention ergibt
sich daraus, dass die darin enthaltenen Praktiken zwar vielfach jenen des ernsthaften
Studiums ähnelten und populär Erfolgreiche oftmals Erzählfiguren des ernsthaf-
ten Studiums verwendeten
– d. h. versuchten, sich dort zu positionieren
–, dass aber
andererseits eine Vielzahl von Praktiken der Möglichkeit der populär Erfolgreichen,
(Lehmann, Anfang, 195); „Balogh erklärte mir, daß jeder reisende Künstler, wenn die Erfolge
in richtigem Maße ausgebeutet werden sollen, einen besonderen Pressemanager haben müsse.
Einen sogenannten ‚Personal Representant‘. Mich entsetzte dieser Gedanke.“ (Ebd., 197).
61 Vgl. dazu auch Bourdieu, Unterschiede, 391: „Prätention, die Anerkennung der Distinktion,
die sich als solche zu erkennen gibt im Versuch, diese sich eigen zu machen – und wäre es
auch nur unter den trügerischen Formen des Bluffs oder der Imitate – und darin, gegenüber
den davon Ausgeschlossenen sich demonstrativ abzusetzen […]“
Populärer Erfolg mit Musik: Prätention 193
back to the
book Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur