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erhalten, wo er immerhin schon lokaler Publikumsliebling wurde. Von dort wurde er
an die Wiener Hofoper engagiert, wo er auch über lokale Grenzen hinaus bekannt
wurde. Im Gegensatz etwa zu Erzählungen des ernsthaften Studiums standen in
Slezaks Erzählung weniger seine musikalische Entwicklung als vielmehr sein Erfolg
beim Publikum und seine Bekanntheit in der Welt im Vordergrund: „Nach meinem
ersten Auftreten in Brünn wurde ich der sogenannte ‚Liebling‘ des Publikums“;86
„Am nächsten Tag war in allen Kaffeehäusern die Sensation: Ein neuer Tenor!“.87
Die Konstruktion als populär Erfolgreicher wurde von Slezak nicht nur über
explizite Formulierungen vorgenommen („als Triumphator kam ich heim“ 88). Auch
die Wahl der Themen, über die erzählt wurde, zeigte an, dass hier eine Berühmtheit
sprach – denn nur eine solche konnte über „Umzüge und Familiäres“, „Das Rei-
sen in Amerika“ oder „Warum ich nicht Gutsbesitzer in Kanada wurde“ (so einige
Kapitelüberschriften) berichten und damit noch auf Interesse stoßen. Das Singen
wurde nach dem oben erwähnten Bruch in Inhalt und Erzählstruktur nur mehr als
eines von mehreren Themen in Slezaks Leben präsentiert. So schrieb er über seine
Zeit in Breslau im „Lebensmärchen“ viel ausführlicher über das Kennenlernen sei-
ner späteren Frau (die ebenfalls am dortigen Theater spielte) als über seine Auftritte.
Auch seine Auftritte wurden mehr als Ansammlung humoristischer Anekdoten über
andere DarstellerInnen denn als Beschäftigung mit Inhalt und Stil von Musik und
Gesang erzählt. Aus der Feder einer Berühmtheit schienen derartige Beschreibun-
gen eher angebracht zu sein als ästhetische Urteile und Überlegungen.
Leo Slezaks Erzählungen waren exemplarische Beschreibungen populären Erfolgs.
Durch die Erzählfigur des (doppelten) Aufstiegs ebenso wie durch die thematische
Durchmischung von Gesangsauftritten und Privatem wurde er als Berühmtheit
sichtbar, die weder „ernsthafte“ Kunst noch eine durchgängige Berufslaufbahn (die
anhand seines Lebensverlaufs durchaus konstruierbar gewesen wäre) präsentieren
musste, um bei Publikum und Leserschaft anzukommen.
7.3 Der Musik treu bleiben: Skepsis
Jene Orientierung, die sich negativ auf die Referenz der Kunst und positiv auf die
Referenz des Berufs bezog, kann am besten beschrieben werden als „der Musik
treu bleiben“. Im Vordergrund stand hier der Nachweis der Kontinuität des eige-
nen Musizierens. „Immer schon“ musiziert zu haben, ohne dazwischen anderen
86 Ebd., 79.
87 Ebd., 107.
88 Ebd., 108. Der Musik treu bleiben: Skepsis 201
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur