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nicht- künstlerisches Musizieren in der Zwischenkriegszeit gering. Dafür förderli-
chen Bedingungen wie der Erfindung und Ausweitung von Freizeit und Massen-
kultur stand aufgrund von Wirtschaftskrisen und der Suche nach Alternativen zu
BerufsmusikerInnen durch MusiklokalbetreiberInnen ein immer größeres Angebot
an nebenerwerbsmäßig Musizierenden gegenüber. Auch die Mechanisierung von
Musik bot nur einer kleineren Gruppe von Musizierenden neue Erwerbsmöglich-
keiten, während viele von ihnen durch Grammophon, Radio und Tonfilm ersetzt
wurden. Der Musik treu zu bleiben blieb ein Anspruch, den Akteure wie die Musi-
kergewerkschaften an die Musizierenden stellten. Der/die BerufsmusikerIn präsen-
tierte diesen Vorstellungen zufolge die richtige Art zu musizieren. Realisierbar war
dieser Anspruch aber nur für manche. Damit mussten sich Musizierende außerhalb
der Kunstmusik in dem Konflikt zwischen den Perspektiven von Gewerkschaften,
Gesetzgebern und Behörden, deren Vorstellungen und Anforderungen meist auf
Musizieren als Beruf abzielten, und den vielfach davon unterschiedlichen ökono-
mischen Verhältnissen positionieren. Das galt besonders für Musizieren auf dem
Land, wie es etwa in der Debatte um die Durchsetzung der Musikerverordnung
formuliert wurde:
Könnte wirklich ein Berufsmusiker von dem leben, was ihm ein Dorf, ein Markt, ja selbst
eine kleine Stadt an Musikverdienst zu bieten vermag? Oder könnte wirklich ein so klei-
nes Gemeinwesen heute die Mittel aufbringen, eine eigene berufliche Musikkapelle zu
erhalten?92
Die Versuche, Berufsmusizieren gesetzlich zu schützen (von den erfolglosen Bestre-
bungen in den 20er- Jahren bis hin zur Musikerverordnung von 1934) gingen davon
aus, dass der Beruf die richtige Form wäre, Musizieren zu betreiben. Wie in der
Orientierung des Musizierens als Gelegenheit noch dargestellt wird, organisierten
sich aber auch Akteure, die andere Perspektiven vertraten. Die Demobilisierung nach
dem Ersten Weltkrieg, die u. a. zur großzügigen Vergabe von Bettelmusiklizenzen
führte, brachte ein vergrößertes Angebot an Musizierenden mit sich, deren Wir-
kungsgebiet sich allerdings noch weitgehend auf den öffentlichen Raum beschränkte.
Doch bereits zu Beginn der Zwischenkriegszeit stellte die Konkurrenz durch ama-
teurhaft Musizierende und Militärkapellen jene, die Musizieren zu einem auskömm-
lichen Beruf machen wollten, vor Probleme. Die Wirtschaftskrisen der 20er- Jahre,
die viele Arbeitslose und Ausgesteuerte zum Instrument greifen ließen, verschärf-
ten diese Probleme noch. Die (auch außermusikalisch wirksamen) Anforderun-
gen, die Erwerbstätigkeit zum Beruf zu machen, blieben aufrecht, wurden aber für
92 Der österreichische Land- und Volksmusiker (1936), Nr. 6 – 7, 1 – 3, hier 2.
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur