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Notwendigkeit, dies weiter zu begründen (oder auch durch Fotos oder Dokumente
zu versuchen, den/die LeserIn in die jeweilige Zeit hineinzuversetzen). Geht man
davon aus, dass die Erzählenden die Erwartungen der anderen an ihre Erzählung
antizipieren konnten, so wird sichtbar, dass die Treue zur Musik eine Orientierung
darstellt, die vor allem von diversen Organisationen des Musikwesens eingefordert
wurde. So war etwa für die Verwertungsgesellschaft AKM (Gesellschaft der Auto-
ren, Komponisten und Musikverleger) der Nachweis kontinuierlichen Tätigseins im
Musikwesen ebenso wichtig wie für die Musiksammlung des Vorarlberger Landes-
archivs. Für MusikerInnen, die nicht über große Bekanntheit verfügten, waren Kon-
tinuität und Ausschließlichkeit des Musizierens die Grundkriterien einer erfolg-
reichen Erzählung.
Verschiedene Themen, die in anderen Lebensgeschichten vorkamen, wurden in
den entlang dieser Orientierung positionierten Erzählungen nicht beschrieben. So
wurden etwa keine Freizeitaktivitäten erwähnt und keine Angaben über die formale
(nicht- musikalische) Bildung gemacht. Das Weglassen solcher Themen betonte die
Zentralität des Musizierens für die Lebensgeschichte. Es ging eben darum, nur Musi-
kerIn (und nicht auch OpernbesucherIn, FussballspielerIn, Studierender/Studierende
oder VolksschülerIn) zu sein
– auch aufgrund des weiter oben bereits angesprochenen
Produktionskontextes der Erzählungen, der das Musikalische Außermusikalischem
gegenüber privilegierte. Hingegen war etwa in Erzählungen des populären Erfolges
das Musizieren zwar ein zentraler Aspekt des Erfolges, das Interesse der LeserInnen
galt aber durchaus auch anderen Themen der Lebensgeschichte. Hier wurde eine
ganze Person konstruiert, dort eine musikalische Laufbahn.
Der Nachweis, der Musik treu geblieben zu sein, konnte auf die Erwähnung einer
Bezahlung für das Musizieren verzichten. Zum/zur MusikerIn wurde man durch das
Musizieren über einen längeren Zeitraum hinweg, gleichgültig, ob dieses materiell
entgolten wurde oder nicht. Erwerbsmäßigkeit oder Liebhaberei waren keine Diffe-
renzierungen, die für eine Charakterisierung der Treue zur Musik relevant waren.
Hier fand sich das Mitwirken in einem Kirchenchor ebenso wie die Anstellung
als Militärmusiker. Unterschiedliche Motive wie Geldverdienen und Freude am
Musizieren waren hier nicht nur zulässig, sondern dermaßen ungeeignet als Diffe-
renzierungskriterium, dass sie nicht einmal erwähnt wurden. Erwähnt wurde, wann
und was, aber nicht, warum musiziert wurde. Die Nichterwähnung von Entgelten
stellte aber ebenso den (gescheiterten) Versuch dar, sich über die Erzählpraktiken der
Kunst dieser anzunähern: Nicht über Geld zu sprechen bzw. zu schreiben, sondern
nur über Musik, wurde von den hier Positionierten rigider umgesetzt als etwa von
den entlang des ernsthaften Studiums Positionierten. Das durchgängige Vermeiden
der Thematisierung von Entgelt zeigt hier den Anspruch, zu jenen zu gehören, für
die alleine die Musik zählte – ohne diesen Anspruch auch realisieren zu können.
Der Musik treu bleiben: Skepsis 207
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur