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Wer der Musik treu blieb, musizierte länger an einem Auftrittsort 96 und erwähnte
keine einmaligen Auftritte. Das Treu- Bleiben galt also nicht nur der Musik in der
Lebensgeschichte insgesamt, sondern auch dem Musizieren an einem bestimmten
Ort – abgesehen davon, dass der oben bereits angesprochene Produktionskontext
der Erzählungen (Auftragsarbeiten) eher die Angabe konkreter zeitlicher Daten
und Zeiträume einforderte als das Erzählen aus eigenen Motiven. Der kontinuier-
liche musikalische Lebenslauf setzte sich aus Auftrittskontexten mit längerer Dauer
zusammen. Die Demonstration von Beständigkeit wurde also auch auf diese ausge-
weitet. Die größere Kontinuität von Auftrittskontexten und das Fehlen einmaliger
Auftritte betonte die Logik des Treu- Bleibens, d. h. das längere Verharren an einem
Ort oder bei einer Tätigkeit. Ganz im Gegensatz dazu standen etwa die Praktiken
des populären Erfolgs, die auf ein Immer- Mehr nicht nur an Erfolg, sondern auch
an Auftrittskontexten abzielten. Während hier längeres Verharren in einem Vertrag
oder an einem Ort als Stillstand beurteilt werden konnte,97 galt es dort als Treue
und Kontinuität.
Die musikalische Ausbildung der Erzählenden fand in ihren Erzählungen nur
sehr wenig Raum.98 Es wurde klar, dass – wie für die meisten Orientierungen –
irgendeine Form der Ausbildung zwar notwendig war, dass aber Art und Dauer der
Ausbildung von untergeordneter Bedeutung waren. Musizieren konnte in einem
Konservatorium oder einer Musikschule, durch Privatunterricht oder in der Familie
vermittelt werden. Die Vielfalt der Ausbildungen, die als Vorbereitung auf späteres
Musizieren anerkannt waren, trug dazu bei, dass diese nur schwer als legitimierende
Praktiken verwendet werden konnten. Zum/zur MusikerIn wurde man nicht durch
diese oder jene Ausbildung, sondern durch das unablässige und ausschließliche Musi-
zieren. Ausbildung wurde hier auch nicht – wie im ernsthaften Studium – als ein
das ganze Leben andauernder Prozess beschrieben, der zentral für die musikalische
Entwicklung war. Überhaupt waren Entwicklung und Veränderung nicht unbedingt
wichtige Aspekte des Der- Musik- treu- Bleibens. Man musizierte, wechselte (nicht
allzu häufig) den Auftrittskontext, machte aber im Grunde immer das Gleiche. Die
Notwendigkeit einer musikalischen Veränderung (wie im ernsthaften Studium) oder
96 Dieser Aspekt wird durch die Modalität mehr als ein Monat in einem Kontext musizie-
ren dargestellt.
97 „…ich bin in meinem ganzen Wesen von dem rasenden Tempo unserer Zeit erfaßt worden.
Nun pulsiert die Unruhe durch mein Blut und macht mich rastlos…Rastlos auch in meinem
Streben nach Vollendung.
[…] Aber ich mag mich an keine Oper mehr dauernd binden.
[…]
Ich habe der Welt noch soviel zu sagen, soviel zu geben…“ (Lehmann, Anfang, 234 f).
98 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten ein bis zwei Seiten über Ausbildung geschrieben,
keine Erwähnung des Wollens der Ausbildung, keine Erwähnung von Freude bei der Aus-
bildung sowie keine Erwähnung der Fähigkeiten der Lehrperson dargestellt.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur