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7.4 Als Gelegenheit musizieren: Dominiertheit
Aus einer negativen Bezugnahme auf die Referenz Kunst sowie einer negativen
Bezugnahme auf die Referenz Beruf ergibt sich die flächendominierte Orientie-
rung des Gelegenheitsmusizierens. Im Unterschied zu allen anderen Orientierun-
gen war in den Erzählungen mit stark positivem Bezug auf Gelegenheitsmusizieren
das Musizieren nicht zentrales Thema, sondern eines von vielen Themen. Vor allem
das Verdienen des eigenen Unterhaltes durch nichtmusikalische Tätigkeiten nahm
oft größeren Raum ein als das Musizieren. Ebenfalls im Gegensatz zu den anderen
Orientierungen wurde hier Musizieren eben „als Gelegenheit“ praktiziert. Während
das ernsthafte Studium eine chronologische Entwicklung der eigenen Fähigkeiten
bedeutete und das Der- Musik- treu- Bleiben eine Berufsbiografie ergab, wurde hier
scheinbar ohne Plan und Ziel musiziert, aus Gründen und zu Zeitpunkten, „wo es
sich gerade ergab“. Eine Darstellung des Musizierens als kontinuierliche Tätigkeit
wurde durch seine Einbettung in andere Themen verhindert.
Wenn das Gelegenheitsmusizieren als negative Bezugnahme auf Kunst beschrieben
wird, dann zum einen deshalb, weil sowohl das, was gespielt wurde, als auch die Art,
in der das Spielen organisiert wurde, sehr stark den Anforderungen der Kunst wider-
sprachen. Gespielt wurden (wenn sie überhaupt erwähnt wurden) Stücke, die in kei-
nem Kunstkanon Platz gefunden hatten, bestimmte Märsche ebenso wie traditionelle
Volkslieder. Gespielt wurde auch in Gasthäusern oder im öffentlichen Raum sowie
an anderen Orten ohne großen Repräsentationsanspruch, also gerade dort, wo nicht
die künstlerische Darbietung gepflegt wurde. Und gespielt wurde ohne Arbeitsvertrag,
spontan aufgrund zufälliger Gelegenheiten oder nach Vermittlung durch Bekannte und
ohne Kritiken der Darbietung durch professionelle KritikerInnen – ganz im Gegen-
satz zur Organisation des Kunstbetriebes. Der Kontrast zur Kunst ergab sich aber
auch durch die Schwerpunktsetzungen in der Erzählung: Während etwa musikalische
Fähigkeiten und deren Entwicklung für das künstlerische Musizieren zentral waren,
wurden derartige Ansprüche beim Gelegenheitsmusizieren nicht gestellt. Ebenso fehlte
die Herausarbeitung einer individuellen Persönlichkeit mit eigenem musikalischen
Stil und eigener musikalischer Herangehensweise. Musizieren als Gelegenheit nahm
hingegen Bezug auf Referenzen, die für andere Orientierungen keine oder nur geringe
Bedeutung hatten: ländliche Tradition, Geselligkeit, Unterhaltung für sich selbst etc.
Die negative Bezugnahme auf Beruf, die das Gelegenheitsmusizieren neben der
negativen Bezugnahme auf Kunst charakterisierte, zeigte sich in der Hervorhebung
nichtmusikalischer Themen (im Gegensatz zum ausschließlichen Fokus auf Musik)
und der Beschreibung von Auftritten als zufällig und ungeplant (im Gegensatz zur
Berufslaufbahn). In den Erzählungen des Berufs wurde Musizieren zum Lebensinhalt
(bzw. wurde dieser spezifische Lebensausschnitt in den Mittelpunkt gestellt), in den
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur