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sich positiv auf die Referenzen des Berufes oder der Kunst beziehen zu können bzw.
zu wollen, mussten Gelegenheitsmusizierende auf andere, für das Musizieren weni-
ger bedeutsame Institutionen
– wie etwa Tradition oder Volkskultur
– zurückgreifen,
um sich zu behaupten und zu legitimieren.105
Das bisher über das Gelegenheitsmusizieren Geschriebene kann leicht den Eindruck
einer defizitären Orientierung erwecken
– einer Orientierung, deren ErzählerInnen sich
stets dafür rechtfertigen mussten, dass sie sich positiv darauf bezogen. Jedoch stellte
Gelegenheitsmusizieren eine Orientierung mit eigenen BefürworterInnen und eigenen
Rechtfertigungsstrategien dar. Wer als Gelegenheit musizierte, versuchte damit, die
offizielle Hierarchie der Legitimationen zu vermeiden. Er/sie konnte sich nicht nur
auf eine (wahrgenommene) lange Tradition berufen, sondern fand auch prominente
FürsprecherInnen und institutionelle Akteure, die sein/ihr Musizieren unterstützten
und Anschluss an Gleichgesinnte boten. Eine detaillierte Darstellung dazu findet sich
in den Kapiteln 2 und 6 – hier sei nur exemplarisch auf die Verbände der Nichtbe-
rufsmusiker, auf ländliche Behörden und politische Vertreter ländlich-
konservativer
Kreise verwiesen, die Musizieren, das nicht ernsthaftes Studium, populärer Erfolg
oder Treue zur Musik war, propagierten und gegen Angriffe von anderen verteidigten.
Gelegenheitsmusizieren war also kein „Überbleibsel“, keine bloße Ansammlung all
jener Musizierformen, die den zeitgenössischen Vorstellungen von legitimem Musi-
zieren nicht mehr entsprachen. Dass Gelegenheitsmusizieren dennoch als dominiert
charakterisiert wird, bezieht sich auf den Vergleich mit den anderen untersuchten
Musizierformen, die – auf verschiedene Weise – alle ein Mehr an Legitimation auf-
wiesen. Gerade die Stellungnahmen der BefürworterInnen des Gelegenheitsmusizie-
rens zeigten vielfach eine Defensivhaltung, ein Ringen um Anerkennung, die für die
anderen Musizierformen ganz normal war und nicht mehr thematisiert werden musste.
So war es äußerst selten, dass Musizierende, die sich positiv auf das ernsthafte Studium
bezogen, den Nachweis der Legitimation ihres Musizierens erbringen mussten. Im
Untersuchungszeitraum stellten Kunst und Beruf derart wichtige Institutionen dar,
dass Musizierformen, die sich nur negativ auf sie beziehen konnten, bei aller Fürspra-
che unter Rechtfertigungsdruck kamen. Der Unterschied wird exemplarisch deutlich
etwa am Vergleich einer periodischen Zeitschrift, die sich mit Kunstmusik beschäf-
tigte, und einem Druckwerk wie der Alpenländischen Musikerzeitung. Während in
jener ganz selbstverständlich Personen und Institutionen der Kunstmusik beschrieben
wurden, musste diese das Nichtberufs- und Nichtkunstmusikertum permanent gegen
Angriffe vor allem der BerufsmusikerInnen legitimieren.
105 „Wir wollen die restlose Anerkennung der Volksmusik als eigene Musikgattung im Gesetze.
[…]
Wir […] lassen uns unsere alten Bräuche und Sitten […] nicht rauben!“ (Alpenländische
Musiker- Zeitung (1935), März, 1 ff., hier 4).
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur