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Stand Musizieren als Gelegenheit unter Rechtfertigungsdruck, so trugen dennoch
spezifische technologische und soziale Entwicklungen seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts maßgeblich zu seiner Verbreitung bei. Notendrucke wurden leichter leist-
bar, während die Ausweitung des schulischen Musikunterrichts diese einer immer
größeren Anzahl von Menschen zugänglich machte. Nach dem Vorbild der Mili-
tärkapellen (und wohl auch im Zusammenhang mit der propagierten Bedeutung
des Militärs in der Habsburgermonarchie) entstanden vor allem auf dem Land
viele Blasmusikkapellen. Männerchöre (nach 1848) und neue Jugendbewegungen
(zu Beginn des 20. Jahrhunderts) knüpften Musizieren und Singen auch an politi-
sche Zielsetzungen.
Diese Entwicklungen trugen maßgeblich dazu bei, dass in der österreichischen
Zwischenkriegszeit Musizieren als Gelegenheit verbreitet war und ein bestimmtes
Maß an Normalität aufwies, sodass es in der Perspektive mancher sogar durch eine
jahrhundertealte Tradition gekennzeichnet schien. Es war aber nicht nur Tradition,
sondern für Musizierende oftmals auch (Not-)Unterhalt. Die wirtschaftlichen Kri-
sen der Zwischenkriegszeit brachten viele dazu, ihre musikalischen Fähigkeiten –
die in besseren Zeiten anderen Zwecken gedient hatten – als Unterhaltsstrategie
neben oder anstelle von regelmäßigeren Unterhaltstätigkeiten einzusetzen. Weder
griffen für derartiges Musizieren die Anforderungen etwa der Gewerkschaften,
Musizieren nur berufsmäßig auszuüben, noch waren viele Gelegenheitsmusizierende
gewillt, ihre Tätigkeiten zugunsten der BerufsmusikerInnen einzuschränken. Die
Musikerverordnung von 1934 stellte die Kodifizierung des Anspruchs, Musizieren
zu verberuflichen, dar, und machte damit diesen Konflikt auf gesetzlicher Ebene
offensichtlich. Die Musikerverordnung wurde von Gelegenheitsmusizierenden als
Angriff auf Traditionen und Unterhaltsformen der ländlichen Gesellschaft gesehen.
Dass sie ausgerechnet im austrofaschistischen Regime erlassen wurde, welches ja
stärker als vorhergehende Regierungen auf den Rückhalt der bäuerlichen und länd-
lichen Bevölkerung abzielte, sorgte für Unstimmigkeiten und Verwirrung zwischen
unterschiedlichen staatlichen Einrichtungen. So konnte es geschehen, dass Joseph v.
Rinaldini, Bundeskulturrat und ab 1934 Leiter des Arbeitskreises Musik der Kultur-
abteilung der Vaterländischen Front, für das Druckwerk der Nichtberufsmusiker
Texte verfasste, während die staatliche Musikergewerkschaft mit eben jenen Nicht-
berufsmusikern zwar einen kurzlebigen Zusammenschluss einging, sie aber davor
und danach immer wieder scharf kritisierte und attackierte.
Ist schon die Sozialgeschichte des Musizierens in der österreichischen Zwischen-
kriegszeit (im Gegensatz zur Geschichte der Musik) bislang eher wenig erforscht
worden, so gilt das noch viel mehr für das Gelegenheitsmusizieren. Während Musi-
zieren als Beruf und/oder Musizieren als Kunst offensichtlich „logische“ Forschungs-
gegenstände darstellen, stieß das Musizieren jener, die weder der einen noch der
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur