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ungelernten Tätigkeiten waren hier keine Seltenheit. Über die Betonung der prekä-
ren Unterhaltslage hinaus werden hier Parallelen zur Organisation des Musizierens
selbst sichtbar – Auftrittsmöglichkeiten von oft kurzer Dauer, als ungeplant dar-
gestellt und durch Zufälle bestimmt. Selbst diejenigen, die ihre Lebensgeschichte
als erfolgreiche Berufsbiografie erzählten, erwähnten (meist zu Beginn ihrer Lauf-
bahn) eine Reihe von wechselhaften und schlecht bezahlten Unterhaltstätigkeiten.
Die gespielten Instrumente gaben Aufschluss über die Art des Musizierens. Das
Instru
ment der Gelegenheitsmusizierenden war oftmals die Gitarre. Wenn diese auch
von manchen VirtuosInnen in großen Konzerthallen gespielt wurde,118 so wurde sie meist
doch vor allem deshalb gewählt, weil sie leicht zu erstehen und zu erlernen war. Nicht
nur die Jugendmusikbewegung,119 auch andere Gruppen wie die Arbeitermusikvereine,
die sich an Musizierende mit wenig oder keiner Ausbildung und geringen finanziellen
Mitteln richteten, griffen bevorzugt auf dieses Instrument zurück. Als Gelegenheit zu
musizieren, durfte (und konnte) keinen großen finanziellen oder zeitlichen Aufwand
bedeuten. Wer sich ausgiebig in das Studium eines Instrumentes vertiefte oder große
materielle Opfer für dessen Anschaffung brachte, bezog sich damit auf andere Orien-
tierungen als auf jene des Gelegenheitsmusizierens. Ebenso zeigt die schlechte Qualität
des Instruments den provisorischen Charakter des Musizierens. Eventuell vorhandene
Mittel dienten dem Bestreiten des eigenen Unterhaltes und nicht der musikalischen
Ausstattung. Was diese betrifft, wurde genommen, was andere nicht mehr brauchten.
Ein Ort des Gelegenheitsmusizierens war der (nicht- musikalische) Verein. In
solchen Vereinen – wie Burschenvereinen oder Arbeiterjugenden – war die Mit-
gliedschaft zu einer bestimmten Organisation Vorbedingung der Teilnahme am
Musizieren. Im Mittelpunkt stand also nicht das Musizieren an sich, sondern die
Zugehörigkeit zum Verein und die damit verbundenen sonstigen Tätigkeiten, im
Gegensatz etwa zum Spielen in Musikvereinen oder in Lohnarbeit. Damit wurde
das Musizieren (einmal mehr) zur Nebensache erklärt und nur in Verbindung mit
außermusikalischen Tätigkeiten wahrgenommen. So stellte etwa das Musizieren
Konrad Bergmanns nur eine von mehreren Tätigkeiten im Rahmen der sozialis-
tischen Arbeiterjugend dar und wurde von ihm auch in den Kontext des Kampfes
gegen Alkohol- und Nikotinsucht gestellt.120 Ein weiterer Ort des Gelegenheits-
musizierens war das Gasthaus. Im Gegensatz zum Verein verwies das Gasthaus
meist auf den entgeltlichen Charakter des Musizierens (was ja zur Orientierung
des Gelegenheitsmusizierens nicht im Widerspruch stand). Das Gasthaus wurde
118 Vgl. etwa Walker, Leben.
119 Für diese spielte allerdings auch der wahrgenommene „geringe Grad an Mechanisierung des
Instrumentes“ eine Rolle: Pape, Amateurmusiker, 247.
120 Bergmann, Leben.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur