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Ein ähnliches Bild zeigt sich etwa bei der Betrachtung der Ausgaben deutscher
Rundfunkgesellschaften für Musizierende in der Zwischenkriegszeit: Ein kleiner
Kreis an Festangestellten mit teils hohen Gehältern, erweitert um einen größeren
Kreis von immer wieder fallweise herangezogenen Musizierenden mit erheblich
geringeren Entgelten,10 stand einer wachsenden Gruppe von Musizierenden ohne
große Aussichten auf Erwerb gegenüber. Jene Orientierung des Musizierens, die
durch diese Entwicklung am stärksten gefördert wurde, war der populäre Erfolg in
der Kunst. Die neuen Medien eröffneten neue Möglichkeiten für Stars, VirtuosInnen
und andere Erfolgreiche, ihre Popularität gewinnbringend zu vermarkten und neue
Höhen des Erfolgs zu erreichen. Auch das Der- Musik- treu- Bleiben wurde dadurch
verstärkt legitimisiert und normalisiert. Mechanische Musik bedeutete zwar für viele
den Verlust der Möglichkeit, der Musik treu zu bleiben. Doch war die Legitimität
einer Orientierung keineswegs gebunden an die Anzahl derjenigen, die sie ausübten:
Jene, die auch nach der Durchsetzung mechanischer Musik immer noch musizierten,
waren nun vor allem diejenigen, die ihre in der Vergangenheit erworbenen musikali-
schen Kontakte und Netzwerke nun etwa im Studiosystem nutzen konnten und die
als verlässliche Größen galten. Ganz anders stand es um das Musizieren als Gelegen-
heit: Die Verbreitung alternativer Möglichkeiten des Musikhörens (auch auf dem
Land) und die erhöhten Schwierigkeiten des Zugangs zu Musiziermöglichkeiten
etwa in Musikstudios oder im Radio ließen Musizieren als Gelegenheit zunehmend
als defizitär erscheinen. Diese Entwicklungen zeigen allerdings nur allgemeine Ten-
denzen auf. Ob etwa die Verankerung des Vereinsmusizierens in der Dorfgemein-
schaft es trotz des Vorhandenseins alternativer Musikangebote auch weiterhin als
normalisiert erscheinen ließ oder ob etwa die vielfältigen sozialen Konnotationen
des Hörens künstlerischer Musik im Konzertsaal dafür sorgten, dass hochwertige
Aufnahmen künstlerischer Musik nicht als Alternative dazu wahrgenommen wur-
den, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Zwischenkriegszeit standen in Beziehung
zur Hierarchie der Legitimität der Orientierungen des Musizierens. Während der
Jahre der starken Inflation in den 1920er-
Jahren entstanden durch die Gründung
neuer Unterhaltungslokale viele neue Gelegenheiten, Musizieren als Lohnarbeit
auszuüben. Auch Kunstmusik wurde in dieser Zeit besonders stark nachgefragt.
Ein Leben lang mit Musizieren seinen Erwerb zu finden, schien in dieser Zeit für
besonders viele eine Möglichkeit darzustellen. Das darauffolgende Ende der starken
Inflation und die verstärkte wirtschaftliche Stagnation setzten diesen Vorstellungen
oftmals ein jähes Ende. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 verloren
auch viele Musizierende die Möglichkeit, kontinuierlich vom Musizieren zu leben.
10 Führer, Wirtschaftsgeschichte, 167 ff.
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Musizieren als Frage von Legitimität und
Nicht-Legitimität232
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur