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aus, was speziell für Wellnessanlagen relevant ist (z. B. im
Saunabereich oder in Ruheräumen; Ronacher et al. 2013).
Thermen
Eine Sonderstellung unter den Spa- und Wellnessanlagen
nehmen touristisch genutzte Thermalquellen ein, da hier die
Möglichkeit besteht, diese direkt in die Energiegewinnung
einer Region einzubinden.
Tiefengeothermie findet in Österreich hauptsächlich im
Oberösterreichischen Molassebecken, gefolgt vom Steiri-
schen Becken sowie zu einem geringeren Anteil im Wiener
Becken mit der Niederösterreichischen Molassezone und teil-
weise auch im Pannonischen Becken statt. Vor allem in der
Steiermark stehen diese Projekte infolge ihrer Entstehungs-
geschichte oft in direktem Zusammenhang mit balneologisch
genutzten Thermalquellen (Goldbrunner 2010, 2015; Haslin-
ger et al. 2016). Hydrothermale Energie wird insbesondere
zu Heizzwecken genutzt, bei ausreichender Wassertemperatur
und -menge kann technisch aber auch Strom erzeugt werden.
Bei entsprechenden Heizsystemen reichen relativ geringe Vor-
lauftemperaturen aus, sodass eine mehrstufige Nutzung der
Wärmeenergie möglich ist (Amt der Oö. Landesregierung
et al. 2012). In Bad Waltersdorf (Stmk) wird das geförderte
und über 60 °C heiße, mineralisierte Wasser beispielsweise
zuerst an lokale Fernwärmeabnehmer geliefert, bevor es durch
die Heiltherme genutzt wird (z. B. zur Warmwasserbereitung,
Wärmeversorgung der Lüftungsanlagen, Warmhaltung der
Becken, Fußbodenheizung). Danach steht das auf nunmehr
ca. 38 °C abgekühlte Wasser als Heilwasser zum Baden in
den Thermalwasserbecken zur Verfügung. In einem letzten
Schritt der Kaskade wird das Wasser zur Heizung des mit der
öffentlichen Heiltherme verbundenen Quellenhotels verwen-
det (OTVG o.J.; APA-OTS 2014). Eine ähnliche Doppel- bzw.
Mehrfachnutzung des Thermalwassers findet beispielsweise
auch in Bad Blumau (Stmk) sowie in Bad Schallerbad (Oö)
und Geinberg (Oö) statt (Goldbrunner 2010, 2015).
Vorteilhaft ist, dass Tiefengeothermie eine kontinuierliche
und bedarfsgerechte Versorgung mit erneuerbarer Energie er-
möglicht und grundsätzlich mit niedrigen Betriebskosten ver-
bunden ist. Nachteilig sind hingegen die hohen Investitions-
kosten, die komplexe Geologie Österreichs sowie das Risiko
hydrochemischer Reaktionen des Thermalwassers (z. B. Lö-
sungs- und Fällungsprozesse sowie Korrosionsvorgänge), die
den Betrieb beeinflussen sowie zusätzliche Kosten verursachen
können. Ein möglicher Schritt, die Attraktivität hydrothermaler
Geothermie dennoch zu erhöhen bzw. das vorhandene Potenzial
auszuschöpfen,3 liegt u. a. in der Kostenoptimierung von Boh-
rungen sowie in einer Vereinfachung der notwendigen Geneh-
migungsverfahren (Könighofer et al. 2014; Weiss et al. 2014).
3 Bezogen auf die energetische Nutzung, ein Ausbau der balneologi-
schen Nutzung ist hier nicht gemeint, da die Dichte an Thermalbädern,
speziell in Ostösterreich, ohnehin bereits hoch ist. 8.5 Handlungsoptionen, Kommunikations-
und Forschungsbedarf
8.5.1 Ansatzpunkte für Maßnahmen,
die Überwindung von Barrieren
und Kooperation
Die Angebotsdiversifizierung ist zwar ein wichtiger Schritt
der Klimawandelanpassung, das damit verbundene Poten-
zial darf aber nicht überschätzt werden (Fleischhacker et al.
2009). Ein Beleg dafür ist beispielsweise, dass ein Ersatz-
programm an skifreien Tagen, wie z. B. die Nutzung von
Wellnessangeboten, zwar für viele Gäste infrage kommt, ein
solches bei einem einwöchigen Urlaub jedoch durchschnitt-
lich an max. 3 Tagen akzeptiert wird (Pröbstl et al. 2008).
Anstatt auf energie- und kostenaufwendige Investitionen zu
setzen, bietet sich daher vor allem im Wellnessbereich das
Eingehen von Kooperationen mit anderen Anbietern in der
Destination an. Die einfachste und am weitesten verbreitete
Kooperationsform stellt dabei die Öffnung der hoteleigenen
Wellnessinfrastruktur für externe Gäste bzw. für Gäste be-
nachbarter Betriebe dar (Lanz Kaufmann 1999; Formayer
und Kromp-Kolb 2009). Von diesem Schritt können vor
allem kleinere Unternehmen profitieren, die nicht über die
notwendigen Ressourcen verfügen, um ihren Gästen selbst
entsprechende Anlagen anzubieten. Konkurrenzvorteile
können stattdessen aber auch durch die Erweiterung des
Know-hows und innovative Dienstleistungsangebote erzielt
werden (Lanz Kaufmann 1999). Wichtig für die Wellness-
urlaubenden ist dabei vor allem die Freundlichkeit des Per-
sonals sowie die Servicequalität (Illing 2004; GfK Travel-
scope 2018).
Eine weitere Anpassungsmöglichkeit stellt eine Weiter-
entwicklung des Angebots dar, weg von Wasser als das de-
finierende Element und stattdessen hin zu einem ganzheit-
lichen Wellnessbegriff (Voigt und Pforr 2014). Außerdem
kann versucht werden, das bestehende Angebot durch Out-
dooraktivitäten zu ergänzen und auf diese Weise die Größe
der notwendigen Innenanlagen und damit auch den Energie-
bedarf zu reduzieren. In Österreich bietet sich in diesem Zu-
sammenhang der Ausbau spezifischer Aspekte der „alpinen
Wellness“ an (z. B. Luft, Höhenlage, Licht, Ernährung und
Kultur; Pechlaner und Fischer 2004; Müller und Weber 2007;
Müller et al. 2007; Müller und Weber 2008). Vor allem Ku-
linarik bzw. das Thema gesunde Ernährung sowie Angebote
zur persönlichen Weiterentwicklung können dabei eine wich-
tige Rolle spielen. Auch der Fokus auf Familien und Vertrete-
rinnen und Vertreter der Generation Y (Millennials) sowie
der Generation 50+ als (zukünftig) stark wachsende Gäste-
gruppen erscheint derzeitigen Prognosen zufolge lohnens-
wert (Illing 2004; Rulle 2004; Wellness Tourism Worldwide
2011; Dorn-Petersen 2015; GfK Travelscope 2018; Veres
et al. 2018).
Spezifische Komponenten des touristischen Angebots –
Aktivitäten162
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Tourismus und Klimawandel
- Title
- Tourismus und Klimawandel
- Authors
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Publisher
- Springer Spektrum
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Size
- 21.0 x 28.0 cm
- Pages
- 263