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8.5.2 Ansatzpunkte für die Akzeptanz
von Maßnahmen, Information
und Bewusstseinsbildung
Der große Energieverbrauch, der Spa- und Wellnessanlagen
zugeschrieben wird (Bohdanowicz und Martinac 2007; For-
mayer und Kromp-Kolb 2009; Gössling et al. 2012), ist – im
Gegensatz zu dem Aufwand, der für die Pistenbeschneiung
betrieben wird – nicht sichtbar, wird in den Medien nicht
thematisiert und ist im öffentlichen Bewusstsein daher
auch nicht präsent. Dadurch entstehen Verzerrungen in der
Wahrnehmung der Klimaauswirkungen der verschiedenen
Urlaubsformen, die in weiterer Folge die Nachfrage beein-
flussen und sich negativ auf das Image von Destinationen
(Echtner und Ritchie 2003; Ritchie und Crouch 2003) und
bestimmten Freizeitaktivitäten auswirken können. grisch-
consulta (2012) geben zwar an, dass der Stromverbrauch pro
Gast und Skitag in der Schweiz lediglich 5,3 kWh beträgt
und damit deutlich unter einem Besuch der Therme Meran
in Südtirol (14,7 kWh) oder des Schweizer Hallenbades
Zernez (20,8 kWh) liegt. Im österreichischen Skigebiet
Kanzelwand/Fellhorn benötigt ein Gast allerdings laut ei-
genen Angaben des Gebiets insgesamt rund 18 kWh pro
Skitag (Oberstdorf Kleinwalsertal Bergbahnen o.J.). Um
einer Fehlinformation bzw. Verwirrung der Urlauberinnen
und Urlauber entgegenzuwirken und einen objektiven Ver-
gleich zu ermöglichen, bedarf es daher der Erhebung und
Kommunikation entsprechender verlässlicher Kennzahlen
(BMK o.J.).
Ein weiterer wichtiger Schritt besteht darin, den Gästen
vor Augen zu führen, dass vor allem das Anreiseverhalten
bzw. die Wahl des Urlaubsortes einen entscheidenden Beitrag
zur Reduktion negativer Umweltauswirkungen im Tourismus
leisten kann (Juvan und Dolnicar 2017; siehe Kap. 3). Gleich-
zeitig gilt es, auf Angebotsseite den Energieverbrauch so weit
wie möglich zu reduzieren und diese Bemühungen auch den
Gästen zu vermitteln, um auf diese Weise die Akzeptanz von
ansonsten evtl. auf Unverständnis stoßenden Maßnahmen
zu erhöhen (z. B. eingeschränkte Betriebszeiten oder Zeit-
schaltung bestimmter Attraktionen im Spa- und Wellness-
bereich). Bewährte Instrumente zur Energie- und damit auch
Kosteneinsparung, aber auch zur Kommunikation der er-
brachten Umweltbemühungen stellen die Einführung eines
betrieblichen Umweltmanagementsystems, zertifiziert nach
ISO 14001:2015 oder EMAS (Bernard und Voss 2012), bzw.
eines Energiemanagementsystems dar (siehe Abschn. 4.1.)
oder die Verpflichtung zur Einhaltung bestimmter Umwelt-
standards mit entsprechendem Label (z. B. Österreichisches
Umweltzeichen für Tourismus und Freizeitwirtschaft oder EU
Ecolabel). 8.5.3 Wissenslücken und Forschungsbedarf
Daten zur Reaktion von Urlaubenden auf Folgeeffekte des
Klimawandels fehlen für viele Tourismusbereiche, daher kön-
nen aufgrund dieser fehlenden Faktenlage meist nur Mutma-
ßungen bzw. vorsichtige Prognosen angestellt werden. Bei-
spielsweise haben Befragungen in Kletterhallen zwar gezeigt,
dass die meisten Nutzerinnen und Nutzer ihrem Hobby auch
im Freien nachgehen (Burmester 2010; Hindinger 2010). Ob
Kletterhallen für diese Gruppe allerdings auch im Umkehr-
schluss eine Alternative zu Klettersteigen sind und alpine
Destinationen, die über entsprechende Indooranlagen ver-
fügen, weiterhin attraktive Urlaubsorte darstellen, ist nicht
bekannt. Vor dem Hintergrund dessen, dass es Kletternde mit
steigender Erfahrung bevorzugt in die freie Natur zieht (Hin-
dinger 2010), erscheint dies jedoch unwahrscheinlich. Eine
weitere Wissenslücke besteht darin, wie sich steigende Tem-
peraturen im Sommer auf die Nachfrage im Wellness- und
Thermentourismus auswirken. Da die Mehrzahl der Gäste
bisherigen Untersuchungen zufolge allerdings nur begrenzt
Bereitschaft zeigt, ihr Urlaubsverhalten zu ändern (Fleisch-
hacker et al. 2009; Clivaz et al. 2012), ist mit entsprechenden
Ausweichprozessen zu rechnen (z. B. Aufsuchen von Regio-
nen, wo Klettern im Freiland gefahrlos möglich ist, Buchung
von Wellnessurlauben in höheren Lagen mit niedrigeren Luft-
temperaturen).
8.6 Zusammenfassung
Im Indoorbereich ist für Österreich vor allem der Gesund-
heits- und Wellnesstourismus relevant, dem allgemein große
Marktchancen und Potenziale eingeräumt werden und der
sich durch wachsende Nächtigungszahlen auszeichnet (hohe
Übereinstimmung, starke Beweislage). Regional ist stellen-
weise aber bereits eine Marktsättigung bzw. ein sehr dichtes
Angebot mit entsprechender Konkurrenz zwischen den An-
bietern vorhanden. Spezialisierung und Innovation sind in
Zukunft daher besonders wichtig, wie z. B. Themenhotels mit
Fokus auf eine bestimmte Zielgruppe, Schaffung ganzheitli-
cher Wellnessangebote, stärkere Einbindung von Kulinarik
und Ausbau nichtwasserbasierter Aktivitäten (hohe Überein-
stimmung, mittlere Beweislage).
Da sich Wellnessanlagen durch einen hohen Ressourcen-
verbrauch auszeichnen, sind Einsparungen in diesem Be-
reich besonders relevant, vor allem die Minimierung von
Wärmeverlusten, aber auch die Verminderung des Wasser-
und Stromverbrauchs (hohe Übereinstimmung, mittlere
Beweislage). Die technischen Möglichkeiten dazu sind, wie
mehrere Best-Practice-Beispiele zeigen, durchaus vorhan-
den. Entsprechende Anreize und finanzielle Unterstützung
können vonseiten der Politik über Förderungen geschaffen
werden, aber auch konkrete Zielvorgaben auf freiwilliger
8 Indooraktivitäten und damit zusammenhängende Einrichtungen 163
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Tourismus und Klimawandel
- Title
- Tourismus und Klimawandel
- Authors
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Publisher
- Springer Spektrum
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Size
- 21.0 x 28.0 cm
- Pages
- 263