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neue Märkte erschließen konnten. Obwohl die Konzepte zum
Teil mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, können zen-
trale Einsichten aus der Entwicklung und dem Betrieb auch
in der Fläche umgesetzt werden. Klimaschonendes Wirt-
schaften kann zu Kosteneinsparungen verhelfen, Gast- und
Mitarbeiterloyalität erhöhen und Impulse für die Destinati-
onsentwicklung geben. Staatliche und regionale finanzielle
Anreize könnten ein Interesse an diesen Konzepten zusätzlich
verstärken. Hierzu gehören auch Zertifizierungen, wie das
Ă–sterreichische Umweltzeichen, oder ein nach EMAS bzw.
ISO 14001 zertifiziertes Umweltmanagementsystem (Pröbstl
und MĂĽller 2012; Reschl 2019).
Allerdings ist bei der Buchung fĂĽr die Kunden vielfach
die BerĂĽcksichtigung nachhaltiger Entwicklungen nur ein-
geschränkt möglich. Wichtig wären in diesem Zusammen-
hang Partnerschaften mit Reiseveranstaltern, ReisebĂĽros
und Buchungsplattformen, wie z. B. TUI, Booking.com oder
trivago.
Es gibt viele weitere internationale Best-Practice-Bei-
spiele, die aus einer Treibhausgasminderungsperspektive
für Österreich interessant sein könnten. Dazu gehören z. B.
Angebote der Klimakompensation, da nicht für alle Gäste
eine klimaschonende Anreise infrage kommt. Dies ist teil-
weise von Veranstaltern im deutschen Forum Anders Reisen
eingeführt worden. Auch vor Ort können viele Angebote ge-
macht werden, um Mobilität nachhaltiger zu gestalten. Dazu
gehören einerseits Apps, die es Gästen möglich machen, lo-
kale und regionale Mobilitätsangebote lückenlos zu nutzen
und dabei auch verschiedene Transportmittel zu kombinieren
(z. B. WienMobil). Eine wĂĽnschenswerte Entwicklung aus
touristischer Sicht wäre eine zentrale App, die innerhalb ganz
Ă–sterreichs genutzt werden kann, z. B. nach dem Vorbild von
Moovel2. Auch die Förderung der ÖPNV-Nutzung sei hier er-
wähnt, mit Gratisnutzungsangeboten durch Gästekarten (z. B.
KONUS-Gästekarte im Schwarzwald, Schladming-Dachstein
Sommercard, AchenseeCard, Geneva Transport Card fĂĽr
Hotelgäste). Weiters lassen sich durch die Bereitschaft bei
der Förderung der Elektromobilität durch die Hotelbetriebe
weitere Problemstellungen realisieren (Last Mile, Auftanken/
Aufladen usw.; vgl. Abschn. 4.4.3).
Insbesondere in Städten können Fahrrad- und Fußverkehr
gefördert werden. Hotels könnten ihren Gästen zum Beispiel
als Standard ein kostenloses Fahrrad anbieten.3 Da auch Nut-
zer anderer Unterkunftsformen potenziell am Fahrradverleih
interessiert sind, bietet sich auĂźerdem ein Mietangebot in
Bahnhofsnähe an.4 Fußverkehr kann auch durch einfachste
Mittel gefördert werden. Die Stadt Pontevedra in Spanien
2 www.moovel-group.com.
3 Im Ohboy-Hotel in Malmö (www.ohboy.se) gehört zu jedem Zimmer
ein Fahrrad.
4 In den Niederlanden bietet OV-Fiets (www.ns.nl) zum Preis von 3,85 €
pro 24 Stunden Räder in fast 300 Leihstationen an, die mit minimalem
Aufwand gemietet werden können. hat beispielsweise eine entsprechende Innenstadtkarte ent-
wickelt, die Entfernungen in Metern und Gehminuten aus-
weist (Abb. 12.2). Auch Wanderwege bzw. SehenswĂĽrdig-
keiten lassen sich so den Reisenden näherbringen.
Durch autonome Mobilität werden sich bald neue Mög-
lichkeiten des Transportes ergeben. Gäste, die mit dem Zug
anreisen, können beispielsweise von selbstfahrenden Fahr-
zeugen an ihr Ziel gebracht werden. Die Wechselwirkungen
dieser neuen Technologien sind aber noch weitgehend un-
geklärt.
12.3 Die Bedeutung klimaverträglicher
Lebensstile fĂĽr den Tourismus
Aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive erstreckt
sich das Erfordernis einer drastischen und systematischen
Emissionsreduktion naheliegend ĂĽber alle gesellschaftlichen
Gruppen und ĂĽber alle Branchen. Mit Blick auf das Han-
deln einzelner Menschen sind die individuellen Aktivitäten
in sämtlichen Lebensbereichen klimapolitisch relevant.
Gleichzeitig ist die verbleibende Zeit, um das Wirtschafts-
system im Sinne der Pariser Klimaziele zu „dekarbonisieren“,
also den AusstoĂź von CO2 und anderen Treibhausgasen zu
minimieren, äußerst knapp. Diese Zeitknappheit wird ins-
besondere dann deutlich, wenn man berĂĽcksichtigt, dass eine
Dekarbonisierung „von heute auf morgen“ weder gesamt-
wirtschaftlich noch in Bezug auf die individuellen Lebens-
realitäten der Menschen realistisch ist. Die Einhaltung der
Pariser Klimaziele unter Berücksichtigung ökonomischer,
sozialer, politischer und technologischer Realitäten kann
jedoch nur gelingen, wenn die dringend notwendige Re-
duktion von Treibhausgasemissionen zu einem Projekt fĂĽr
alle wird, das alle relevanten Zielgruppen berĂĽcksichtigt und
einen „Paris Lifestyle“ zu einer attraktiven Art der Lebens-
gestaltung werden lässt (Schwarzinger et al. 2018). Das
Spektrum von klimaverträglichen Produkten und Dienstleis-
tungen, die sowohl fĂĽr die Angebots- als auch fĂĽr die Nach-
frageseite attraktiv sind, mag aus heutiger Perspektive klein
erscheinen und wie eine Schnittmenge wirken, die sich auf
Nischenmärkte beschränkt. Allerdings steht außer Frage, dass
es erforderlich ist, diese Schnittmenge systematisch zu ver-
größern, um das Wirtschaftssystem, von dem auch der Touris-
mus ein wesentlicher Bestandteil ist, auf einen klimaverträg-
lichen Kurs zu bringen. Wege zu einem klimaverträglichen
touristischen Produkt können auch ohne eine entsprechende
Kennzeichnung angestrebt werden und auch unbemerkt vom
Gast implementiert werden.
Die Tatsache, dass Angebote mit betont geringen Klima-
auswirkungen – speziell im Tourismus – derzeit noch eine
Ausnahme darstellen, darf also nicht zur Annahme verleiten,
dass derartige Angebote auch zukĂĽnftig ihren Nischencharak-
ter behalten werden. Vorweg sei an dieser Stelle angemerkt,
12 Nationale Verpflichtungen auf Grundlage des Pariser Klimaabkommens 215
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Tourismus und Klimawandel
- Title
- Tourismus und Klimawandel
- Authors
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Publisher
- Springer Spektrum
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Size
- 21.0 x 28.0 cm
- Pages
- 263