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portweisen weniger attraktiv zu machen, insbesondere den
Flugverkehr. An dieser Stelle sei auch die Rolle der Flug-
linien erwähnt und deren Möglichkeit, Emissionsreduktionen
im Flugverkehr deutlich proaktiver voranzutreiben und ent-
sprechende Maßnahmen umzusetzen, z. B. die Förderung
von synthetischen Treibstoffen, Weiterentwicklung neuer
Antriebssysteme (z. B. Hybridantriebe), eine Optimierung
der Flugrouten, oder zumindest Kompensationsprojekte zu
forcieren.
Klima- und Energiestrategien auf unterschiedlichen Ebe-
nen können nur dann einen Beitrag leisten, wenn sie auch tat-
sächlich umgesetzt werden. Eine kontinuierliche Evaluierung
der nationalen Strategien wäre hier dienlich, um aufzuzeigen,
wo noch Aufholbedarf besteht. Zudem ist es sinnvoll, den
Umsetzungsgrad der bisherigen Strategien in diesem Bereich
sowie deren Auswirkungen zu untersuchen, um festzustellen,
wo Schwierigkeiten und Hindernisse aufgetreten sind, um
diese in Zukunft gezielt zu vermeiden und eine effizientere
Implementierung zu erreichen. Welche Rahmenbedingungen
notwendig sind, um die Akzeptanz klimaschonender An-
gebote zu erhöhen, sind in weiterführender Forschung zu
ermitteln.
Die bestehenden und in Zukunft möglicherweise ver-
stärkten Vorgaben auf der Makroebene sowie auch auf der
Mikroebene, im Hinblick auf das steigende Umweltbewusst-
sein der Konsumenten, stellen die Tourismuswirtschaft vor
strategische Herausforderungen. Es wird sowohl an den
Destinationen als auch an den Anbietern liegen, ein entspre-
chend emissionsreduziertes Tourismusangebot zu schaffen,
das die klima- und umweltbewussten Konsumenten – ihren
Werthaltungen und objektiven Erfordernissen folgend – kon-
sumieren können. Im Sinne der Nudge-Theorie (Thaler und
Sunstein 2008) können Produkte entwickelt werden, die den
Gast unbemerkt beeinflussen und eventuell sogar eher als zu-
sätzlicher Service empfunden werden. Ein Nudge verändert
das Verhalten der Menschen auf vorhersehbare Weise, ohne
Optionen zu verbieten oder ihre wirtschaftlichen Anreize
wesentlich zu ändern (Thaler und Sunstein 2008). In An-
betracht dieser Faktoren, durch die konventionelle Angebote
tendenziell unter Druck geraten, ist es ratsam, sich in der
Branche so früh wie möglich mit der Dekarbonisierung ihrer
wirtschaftlichen Prozesse sowie mit der psychologischen
Wirkung emissionsreduzierender Maßnahmen zu befassen
und diese zur Umsetzung zu bringen.
Klimaverträgliche Lebensstile können zwar eine Rolle
in der Emissionsreduktion im Tourismus spielen und stellen
damit ein Potenzial dar, das auf jeden Fall in der Klima-
politik so gut wie möglich genutzt und, etwa durch Bewusst-
seinsbildung, gefördert werden kann. Um jedoch tatsächlich
einen CO2-neutralen Tourismus in Österreich zu erreichen,
werden Verhaltensänderungen, die nur von einem Teil der
Konsumentinnen und Konsumenten getragen werden – und
auch hier oft wieder nur unter optimalen Voraussetzungen –, nicht ausreichen. Will man die Pariser Klimaziele erreichen,
ist es daher notwendig, dass die Politik aktiv regulierend ein-
greift, um die heimische Tourismuswirtschaft in eine klima-
schonende Richtung zu lenken, und auch die Unternehmen
brauchen noch einen proaktiveren und systematischeren Zu-
gang zu einer entsprechenden Angebotsentwicklung.
12.5 Zusammenfassung
Die wichtigsten Maßnahmen zur Reduktion der Treibhaus-
gase im Tourismus betreffen den Transport (hohe Über-
einstimmung, starke Beweislage). Dabei ist es besonders
wichtig, auf Nahmärkte zu fokussieren, dem Trend zu einer
geringen Aufenthaltsdauer entgegenzuwirken sowie attrak-
tive öffentliche Verkehrsangebote in Bezug auf Anreise und
den Nahverkehr in den Destinationen zu schaffen. Der Flug-
verkehr muss dagegen unattraktiver werden, wenn die Zahl
der Passagiere verringert werden soll. Passagiere und Politik
haben es auch in der Hand, Fluggesellschaften zu stärkeren
CO2-Reduktionsmaßnahmen zu bewegen (vgl. auch Aus-
führungen in Kap. 13).
Ein weiterer Bereich, wo hohe Einsparungen erzielt wer-
den können, ist die Gastronomie, besonders beim Einkauf von
regionalen und ökologisch erzeugten Produkten (vgl. Kap. 5).
Weiters sollte die Energie aus erneuerbaren Quellen bezogen
werden. In der Beherbergung ist damit sogar die Möglich-
keit gegeben, fast völlige CO2-Neutralität zu erreichen (vgl.
Kap. 4). Einsparungspotenziale gibt es auch bei touristischen
Outdooraktivitäten, in Bezug auf den alpinen Wintertouris-
mus sind dabei beispielsweise ein optimiertes Pistenma-
nagement und der Einsatz von Ökostrom vielversprechend.
Best-Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland können bei
der Umsetzung all dieser Maßnahmen den Weg weisen. Sie
zeugen außerdem davon, dass vielfach neben den verringer-
ten Emissionen auch andere positive Effekte erzielt werden
können, wie Kosteneinsparungen in der Energienutzung.
Als Fortführung der seit den 1990er-Jahren begonnenen
Bestrebungen zu einer internationalen Klimapolitik wurde
2015 das als historisch geltende Pariser Klimaabkommen
vereinbart, in welchem sich der Großteil der Länder der Welt
zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen verpflichtet
hat, welche es möglich machen soll, dass der globale Tem-
peraturanstieg unterhalb von 2 °C gegenüber dem vorindus-
triellen Niveau bleibt. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten sind
geschlossen am Pariser Abkommen beteiligt, mit der ambi-
tionierten Vorgabe, die Treibhausgasemissionen um 40 % im
Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Dazu hat die Europäische
Kommission verschiedene Maßnahmen gesetzt, wobei aller-
dings der Tourismus kaum Erwähnung findet. Indirekt ist die
Tourismuswirtschaft aber sehr wohl durch Vorgaben etwa in
den Bereichen Energieeffizienz von Gebäuden oder emissi-
onsfreie Mobilität betroffen. Auch in der europäischen Klima-
12 Nationale Verpflichtungen auf Grundlage des Pariser Klimaabkommens 219
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book Tourismus und Klimawandel"
Tourismus und Klimawandel
- Title
- Tourismus und Klimawandel
- Authors
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Publisher
- Springer Spektrum
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Size
- 21.0 x 28.0 cm
- Pages
- 263