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Tourismus und Klimawandel
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nahmen). Der Reisende könnte das Thema Schneesicherheit aus der medialen Diskussion aufgreifen und die Anpassungs- strategien im Hinblick auf eine technische Beschneiung zur Kenntnis nehmen. Zum Beispiel könnten die Reisenden bei der Entscheidung für einen Winterurlaub die Risiken im Zusammenhang mit der Schneesicherheit (unzureichende bzw. schlechte Schneelage) als gravierender einstufen als die vor Ort gegebenen Anpassungsstrategien durch die Be- schneiung. Daher entscheidet sich der Reisende in diesem Beispiel für einen hoch gelegenen Wintersportort mit hoher natürlicher Schneesicherheit. Die hier dargestellten kogniti- ven Prozesse können als die wichtigsten Einflussfaktoren für die Verhaltensabsicht und das Verhalten gelten und helfen Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen und zu modellieren (Grothmann und Patt 2005; Pröbstl-Haider und Haider 2013). Der Tourismus unterscheidet sich von vielen anderen vom Klimawandel betroffenen Sektoren insofern, als die präfe- rierte Anpassungsoption auch die Wahl einer anderen Desti- nation mit ganz anderen Eigenschaften umfassen könnte (statt eines Skigebiets wird eine Flugreise in die Karibik gewählt). Diese Flexibilität beeinflusst auch die Risikobewertung er- heblich und unterscheidet sie von Fallbeispielen aus anderen Formen der Landnutzung. Das Modell berücksichtigt auch das Konzept der „Ver- meidung von Fehlanpassungen“ zwischen den Bewertungen und dem beabsichtigten Verhalten. Wenn zum Beispiel ein potenzieller Gast ganz besonders an einem bestimmten Win- tersportort interessiert ist, könnte dieser Gast dann, wenn er eher „fatalistisch“ eingestellt ist (siehe Abb. 13.1), seine präferierte Skidestination trotz Schneemangels aufsuchen. Die starke Präferenz könnte eine (oder mehrere) negative Erfahrungen erfordern, bevor diese Person über Alternativen nachdenkt, wie zum Beispiel zukünftig eine Destination in schneesicherer Höhenlage zu wählen. Das Erkennen entsprechender Systemzusammenhänge und Dynamiken ist die Voraussetzung, um weitere Strategien und Anpassungskonzepte entwickeln zu können. Hierzu zählen unter anderem saisonale Verschiebungen beziehungsweise Erweiterungen und Entwicklung nachhaltiger Produkte sowie die Wechselwirkungen von Anpassungsstrategien im Winter auf das Produkt im Sommer. In diesem Komplex sind ver- tiefende Forschungsarbeiten erforderlich. Die Entscheidungen der Reisenden beeinflussen Die Entscheidungen der Reisenden können, wie oben dar- gestellt, durch Informationen beeinflusst werden. Das bedarf jedoch einer differenzierten Informationsdarstellung sowie einer aktiven Auseinandersetzung des Gastes mit den Inhal- ten. Das kann sinnvoll und notwendig sein, könnte jedoch auch das Urlaubserlebnis negativ beeinflussen. Forschungs- ergebnisse von Dolnicar et al. (2017a, b) zeigen, dass die Bereitschaft der Touristen eher gering ist, an den wertvolls- ten Tagen des Jahres – ihren Ferien – bestimmte umwelt- freundliche oder energiesparende Maßnahmen zu ergreifen. So haben vergleichende Studien in Hotels dann nur geringe Auswirkungen gezeigt, wenn die Touristinnen und Touristen durch Flyer, Ankündigungen oder andere Mittel der Hotel- information um ein entsprechendes umweltverträgliches Verhalten gebeten wurden. Rapp (2017) zeigt sogar, dass die Bereitschaft zur Wiederverwendung der Handtücher abnahm, wenn moralische Umweltargumente im Vergleich zu einer neutralen Kommunikation verwendet wurden. Auch andere Studien zeigen, dass selbst umweltbewusste und klimasensi- tive Touristinnen und Touristen beim Urlaub entgegen ihren Einstellungen handeln und durch Information und Kommuni- kation nur geringe Effekte erzielt werden können (Butcher 2003; Poon 2003; Simmons und Becken 2004; Hunter und Shaw 2006; Sharpley 2006; Becken und Simmons 2008). Die einschlägige Literatur zeigt darüber hinaus eine signifi- kante Verschiebung in der Wahl der wissenschaftlichen Metho- den, die zur Erforschung des Verbraucherverhaltens eingesetzt werden. Während jahrzehntelang die Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen 1985, 1991) als wichtiger Rahmen für die Abschätzung des Verbraucherverhaltens herangezogen wurde, wird sie heute nicht mehr als geeignet angesehen, um die In- terventionen zu planen und zu gestalten, die effektive Verhal- tensänderungen bewirken (Hardeman et al. 2002; Webb et al. 2010; Pröbstl-Haider und Haider 2013). Aktuelle Forschungen schlagen daher vor, sich auf neue Konzepte zu konzentrieren, die Forschungsergebnisse aus Psychologie, Ökonomie und Verbraucherverhaltensforschung zusammenführen, um Ver- haltensänderungen bei den Gästen zu erreichen (für die ver- schiedenen Handlungsfelder bzw. Typen von Instrumenten, die zum Einsatz kommen können, siehe Abschn. 13.3.1–13.3.6). Aktuelle Forschungskonzepte zielen deshalb darauf ab, al- ternative Konzepte anzudenken, die über Einschränkungen, Umwelthinweise oder appellative Aufrufe hinausgehen, diese zu testen und umzusetzen. Zu diesen Ansätzen gehört unter anderem die Nudge-Theorie (Thaler und Sunstein 2008). Ein Nudge verändert das Verhalten der Menschen auf vorherseh- bare Weise, ohne Möglichkeiten zu verbieten oder ihre wirt- schaftlichen Anreize wesentlich zu ändern (Thaler und Sun- stein 2008). Das bedeutet, dass touristische Produkte und Angebote so gestaltet und präsentiert werden, dass sie zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen führen, ohne das Urlaubserlebnis zu beeinflussen oder zu beeinträchtigen.5 Erste positive Nudging-Effekte wurden durch Änderung der Infrastruktur, Änderung der Standardoptionen sowie durch Er- höhung des Komforts und des Vergnügens erzielt (z. B. Baca- Motes et al. 2013; Dolnicar et al. 2018; Juvan et al. 2018). Bei- spielhaft sei hier die Reduktion von Essensabfällen durch eine Verkleinerung der Teller oder durch Servieren von Speisen an- stelle von Buffet-self-Service genannt. Solche Interventionen bieten, zusammen mit Gamification- und lifestyleorientierten 5 Für Beispiele dazu siehe auch Abschn. 5.4.5. Globale Entwicklung und nationale Verpflichtungen228
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Tourismus und Klimawandel
Title
Tourismus und Klimawandel
Authors
Ulrike Pröbstl-Haider
Dagmar Lund-Durlacher
Marc Olefs
Franz Prettenthaler
Publisher
Springer Spektrum
Date
2021
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-662-61522-5
Size
21.0 x 28.0 cm
Pages
263
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