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erneuerbarer Energie (z. B. Biogasanlage, Fotovoltaik auf
Wiesenflächen) aufgrund der Auswirkungen auf das Land-
schaftsbild und die Atmosphäre des Urlaubsortes in Öster-
reich stark abgelehnt wurden. Anpassungsstrategien in Ver-
bindung mit bestehender Bausubstanz (z. B. Fotovoltaik auf
Dächern, Nutzung der Beschneiungsanlage für die Energie-
gewinnung im Sommer) wurden dagegen besonders begrüßt.
Ob in diesem Zusammenhang die Belange des Tourismus
bisher ausreichend berücksichtigt wurden, muss kritisch hin-
terfragt werden, da Österreich im Gegensatz zu anderen euro-
päischen Mitgliedstaaten Prüfinstrumente und Instrumente
zur Vorbereitung von Abwägungsentscheidungen, wie die
Umweltverträglichkeitsprüfung oder die strategische Um-
weltprüfung, sehr begrenzt anwendet (Jiricka und Pröbstl
2008; Stöglehner et al. 2016; Jiricka-Pürrer et al. 2018). Da-
her besteht die Gefahr, dass touristische Belange nicht oder
zu spät Berücksichtigung finden und alternative Lösungen
nicht mehr beachtet werden können. Handlungsbedarf wird
in einer Verschlankung der Prüfinstrumente bei gleichzeitig
breiter Anwendung von harmonisierten Standards gesehen
(Pröbstl-Haider 2017).
Für die Anpassung an den Klimawandel spielen darüber
hinaus auch planerische Instrumente wie regionale Entwick-
lungskonzepte, die Raumfunktionen auch mittels Zonierung
lenken können, die Entwicklung von Schwerpunkt- und
Fokusgebieten für bestimmte Landnutzungen sowie risiko-
bezogene Planungen eine wichtige Rolle (Vetter et al. 2017;
Strasser et al. 2018; Rehbogen et al. 2020). Damit diese In-
strumente effizient sind, müssen umfassende räumliche In-
formationen aller relevanten Sektoren verfügbar sein und
eine ausreichende Qualität und Aussageschärfe aufweisen.
Rehbogen et al. (2020) weisen darauf hin, dass diese Voraus-
setzungen in einigen, aber nicht in allen Sektoren gegeben
sind. Vielfach sind, insbesondere im Bereich Erholung und
Tourismus, die räumlichen Grundlagen begrenzt. Land-
schaftsveränderungen außerhalb der Entwicklung von In-
frastruktureinrichtungen und Gebäudeentwicklung werden
von behördlicher Seite nicht gezielt erfasst. Damit ergeben
sich aus touristischer Sicht Fragestellungen, welche die viel-
fach hervorgehobene attraktive Struktur der österreichischen
Kulturlandschaft und das Landschaftsbild betreffen (Pröbstl-
Haider et al. 2017b).
Entwicklungskonzepte mit Beachtung von Erosions- und
Rutschungsrisiken können aber auch im Hinblick auf die
Entwicklung der Outdoorinfrastruktur (Wanderwege, Start-
plätze für Paragliding usw.) unter dem Einfluss des Klima-
wandels erforderlich werden, um gezielt Adaptions- und Ver-
meidungsmaßnahmen konzipieren zu können. Dies gilt umso
mehr, als die Markierung und Betreuung der Wanderwege in
Österreich überwiegend ehrenamtlich erfolgen.
Der Bedarf an freiwilligen, unverbindlichen Planungen
und Strategien, die unterschiedliche und sektorenübergrei-
fende Entwicklungsoptionen integriert betrachten, steigt (Russel et al. 2018; Strasser et al. 2018). Dies zeigt unter
anderem der Smart City Masterplan 2025 Salzburg (Stadt
Salzburg 2019), der querschnittsorientiert angelegt ist, um
eine entsprechend gut fundierte Politik und nachhaltige Ab-
wägung für die verschiedenen Sektoren zu erzielen. Russel
et al. (2018) weisen jedoch auch darauf hin, dass die Umset-
zung dieser Strategien durch Aktionspläne größtenteils noch
aussteht. Ähnliche ganzheitliche Ansätze könnte man sich
auch für Destinationen vorstellen.
Engels et al. (2018) betonen auch, dass eine stärkere Ver-
schränkung freiwilliger informeller Pläne mit verpflichten-
den formellen Planungen wünschenswert wäre. Dies würde
zum Beispiel bedeuten, dass ein informeller Klimamaster-
plan durch entsprechende Flächenwidmungs- oder Bebau-
ungspläne umgesetzt wird. Insgesamt zeigt sich auch, dass
formale Formen der Planung und Beteiligung nicht aus-
reichen und idealerweise durch informelle ergänzt werden
könnten.
13.3.5 Moderation und Aushandlungsprozesse
(Facilitation)
Der Übergang von planungsbezogenen Governance-An-
sätzen in den Bereich der Moderation und Facilitation, die
ebenfalls die Umsetzung der Klimapolitik beeinflussen und
steuern können, ist fließend (Grotenbreg und van Buuren
2017). Verschiedene Autoren betonen in diesem Zusammen-
hang die Herausforderung, sektorenübergreifend Akteure
einzubinden und polyzentrische Lösungen für eine Klima-
politik im Mehrebenensystem zu entwickeln (Böcher und
Nordbeck 2014). Die intensive Beteiligung auf regionaler
und lokaler Ebene wird für erforderlich gehalten, um eine
mögliche Diskrepanz zwischen Klimaschutzplanungen und
deren Umsetzung auf lokaler oder regionaler Ebene mög-
lichst gering zu halten (Carney und Shackley 2009). Die
Entwicklung von umsetzungsfähigen Lösungen, bei denen
über bestehende Sektoren und Kompetenzfelder hinausge-
dacht, Funktionen neu definiert und bestehende horizontale
und vertikale Abhängigkeiten überwunden werden müssen,
erfordern regelmäßig einen erhöhten Koordinierungsauf-
wand (Bulkeley und Betsill 2013). Deshalb wird im Zu-
sammenhang mit Klimawandelanpassungsprozessen auch
die zunehmende Bedeutung von informellen Prozessen und
Moderation beschrieben, die einem verstärkten Engagement
von lokalen Stakeholdern und Netzwerken Rechnung trägt
(Engels et al. 2018). Im Bereich des Tourismus wird ein
solcher Koordinierungsbedarf vor allem im Verkehrsbereich
beschrieben, wenn es zum Beispiel darum geht, sektoren-
übergreifende Lösungen für das Problem der „letzten Meile“
oder der lokalen Mobilität zu finden. Die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer der im Rahmen der Berichtfertigung durch-
geführten Workshops mit Stakeholdern betonten, dass ge-
Globale Entwicklung und nationale
Verpflichtungen240
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Tourismus und Klimawandel
- Title
- Tourismus und Klimawandel
- Authors
- Ulrike Pröbstl-Haider
- Dagmar Lund-Durlacher
- Marc Olefs
- Franz Prettenthaler
- Publisher
- Springer Spektrum
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-662-61522-5
- Size
- 21.0 x 28.0 cm
- Pages
- 263