Page - 176 - in Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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176 Alejandro López Álvarez
Sesselträger keineswegs abnahm. Viele Autoren klagten zudem über die ausländische Her-
kunft der Sesselträger. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts häuften sich die Beschwerden
über ihre große Zahl. Dies betraf sowohl Sesselträger mit einer Festanstellung in einem
Adelshaus als auch solche, die auf Mietbasis ihr Geld verdienten. Pérez del Barrio schätzte,
dass jedes Jahr „mehr als zwanzigtausend Ausländer aus aller Herren Länder“ in Spanien
eintrafen, unter denen sich auch zahlreiche „Lakaien, Kutscher und Sesselträger“ befän-
den.430 Martínez de Mata behauptete wiederum, dass die mehr als 120.000 Franzosen, die
nach Spanien gekommen seien, verschiedene Dienersparten – darunter auch das Gewerbe
der Sesselträger – usurpiert und die Spanier daraus verdrängt hätten.431 Mexía de las Hi-
gueras meinte, bei diesen Personen handle es sich um Vagabunden, die man zur Arbeit
verpflichten sollte, um auf diese Weise Ordnung im höfischen Raum zu schaffen:
Von einer anderen Sorte von Leuten gibt es zu viele am Hof, nämlich von verheirateten
Lakaien, Kutschern und Sesselträgern, deren Frauen in den Straßen herumstreunen und
neben der Wirtshaustüre stehen […] und derart zur Völlerei und Trunksucht animieren.432
In der zweiten Hälfe des 17. Jahrhunderts, als der Reformeifer seinen Höhepunkt erreichte,
wurde mittels einer 1691 erlassenen Verordnung versucht, die Zahl der Sesselträger auf höchs-
tens vier zu beschränken, ein Vorhaben, mit dem sich die Verordnungen von 1674 und 1684
noch nicht befasst hatten. Den überzähligen Sesselträgern wurden der Verlust ihrer Livree
sowie eine vierjährige Verbannung nach Afrika beim ersten Verstoß und sechs Jahre Galee-
rendienst beim zweiten Zuwiderhandeln angedroht.433 Es handelt sich hierbei um den ersten
Versuch seit längerer Zeit, den bei öffentlichen Auftritten von Vertretern der Oberschicht zu
beobachtenden maßlosen Luxus zurückzudrängen. Diese Bemühungen standen in Einklang
mit Maßnahmen, die im selben Jahr hinsichtlich der Ausstattung von Kutschen getroffen
430 „[…] más de veinte mil extranjeros, de todas naciones […] lacayos, cocheros y mozos de silla“. Gabriel
Pérez del Barrio Angulo, Secretario y consegero de señores y ministros: cargos, materias, cuy-
dados, obligaciones y curioso agricultor de quanto el Gouierno y la Pluma piden para cumplir con
ellas (Madrid 1645), BNE, R 11.414, S. 187.
431 Francisco Martínez de Mata, Memorial en razón de la despoblación, 1650. In: Gonzalo Anes,
Memoriales y discursos de Francisco Martínez de Mata (Madrid 1971), S. 287–330, hier S. 309.
432 „[…] Otro género de gentes biben en la corte en gran abundancia que sobran muchos lacayos, cocheros,
moços de silla casados, que las mugeres de estos bagando por las calles, y a las puertas de las tabernas
[…] dan pasto a la gula y a los bebedores“. Vgl. Carmelo Viñas y Mey, El problema de la tierra en
la España de los siglos XVI–XVII (Madrid 1941), S. 186, 229 f.
433 Pragmática que su magestad manda publicar, para que se guarde y execute y observe la que se
publicó el año de 1684 sobre la reformación en el excesso de Trages, Coches, y otras cosas en esta
contenidas, 1691, BNE, R 23.879 (26), fol. 4–6.
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918