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Portantine und sillas de manos im Hofzeremoniell Neapels 199
nieller Bedeutung war es auch üblich, Wagner, Schlosser und Tischler im Gefolge mitzu-
führen, um bei Bedarf schadhafte Wagen und Tragsessel in Stand setzen zu können.
Aus den Quellen geht weiterhin hervor, dass die Vizekönigin bei ihren öffentlichen und
privaten Ausgängen neben Sänften auch regelmäßig Tragsessel benutzte. Im Gebrauch von
Tragsesseln lassen sich Unterschiede zwischen dem Vizekönig und der Vizekönigin beob-
achten, und zwar bei der Länge der damit zurückgelegten Wegstrecken: Häufig ließ sich
die Vizekönigin im Tragsessel bis in die Beletage der Paläste oder zumindest bis ins Innere
der Gebäude bringen, und zwar auch in Fällen, in denen das Reglement für den Vizekönig
ein früheres Aussteigen vorsah.
A la puerta de la iglesia la virreyna se ha de boluer y se despide de la damas, estas se bueluen
a entrar en la iglesia y Su Exçelençia se pone en silla y se uan con preuençión que la silla de
la virreyna ha de estar dentro de la puerta de la iglesia y aquella de Su Exçelençia fuera de
ella.48
Der Vizekönig verließ in diesem Fall den Tragsessel bereits außerhalb des Kirchenportals,
während sich die Vizekönigin bis in das Innere des Sakralraums tragen ließ. Diese Vorge-
hensweise lässt sich darauf zurückführen, dass Damen im Allgemeinen ein größeres Maß an
Diskretion auferlegt wurde, um das Dekorum zu wahren, was sich unter anderem durch spar-
sam dosierte Auftritte in der Öffentlichkeit erreichen ließ. Möglicherweise waren es dieselben
Beweggründe, die den Vizekönig in anderen Fällen dazu veranlassten, in die Sänfte seiner
Gemahlin zu steigen, um ein Gespräch unter vier Augen mit ihr führen zu können.49
Tragsessel boten bei Bedarf willkommene Rückzugsorte, die ein anonymes Fortkom-
men in der Stadt ermöglichten. Der transportierten Person stand es frei, mit offenen Vor-
hängen zu reisen und sich sehen zu lassen oder aber die Vorhänge geschlossen zu halten,
um sich so unerwünschten Blicken der Passanten zu entziehen beziehungsweise um sich
vor widrigen Witterungseinflüssen wie Sonne oder Regen zu schützen.50 Bildliche Quellen
comestibles, preguntando el precio de cada cosa, llamando a los capitanes de las dichas Plaças para que le
hiziessen relación de lo que passaua cada uno en su quartel“. Díez de Aux 1622 (wie Anm. 2), S. 92.
48 Antonelli 2012 (wie Anm. 1), S. 222, c. 47v.
49 „La virreyna salió de su silla y se puço en littera sola, la qual littera era del señor marqués de Astorga, y se
fue adelante […]; s[e ba]xó del coche y se puço en littera con la virreyna, y se fueron a Pu[çol] lleuando
dos compañías de cauallos“. Ebenda, S. 288, c. 103v. Kurz darauf (ebenda, c. 104r) ist festgehalten,
dass der Vizekönig aus der Sänfte stieg, um in seinem Tragsessel Platz zu nehmen.
50 Die geschlossenen Vorhänge verhinderten allerdings auch die Sicht nach außen. Dies führte etwa im
Jahr 1676 dazu, dass sich Vizekönig Los Velez plötzlich aufgrund eines Missverständnisses mit seinen
eigenen Sesselträgern irrtümlich im Haus des Fürsten von Piombino anstatt im Haus des Herzogs
von Grottella befand: „A la salida que hiço Su Exçelençia del castillo, dixo el caualleriço que quería
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918