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Portantine und sillas de manos im Hofzeremoniell Neapels 203
Die von Renao offen zur Schau gestellte Ablehnung von Tragsesseln könnte vielleicht
mit der verbreiteten Meinung in Zusammenhang stehen, die Verwendung eines Tragsessels
oder einer Sänfte durch den Vizekönig sei als Zeichen mangelnder Männlichkeit („falta de
masculinidad“61) zu werten und dass es ihm bei hochrangigen zeremoniellen Anlässen des-
halb besser anstünde, sich zu Pferd oder zu Fuß zu zeigen.
Eine Stelle der Zeremonialschrift 1483 fasst abschließend in anschaulicher Weise ver-
schiedenste Einsatzbereiche für Tragsessel im Rahmen des Zeremoniells zusammen. Die
Passage beschreibt den im Tragsessel zurückgelegten Weg von den königlichen Apparte-
ments über die Korridore des Palasts zum Ankunftsort eines illustren Gasts und im An-
schluss daran die erneute Abreise des Besuchers. Dabei verlief alles nach den im Zeremo-
niell festgelegten Regeln:
La misma mañana Su Exçelençia le fue a uisitar en silla con la guardia alemana. Hecha la
uisita Su Exçelençia quiso passar al quarto de la señora condessa: el señor conde le acom-
pañó hasta la silla. Su Exçelençia se puço en ella y passó al quarto de la señora condessa y
lo reçibió a la puerta en donde fue la uisita, y Su Exçelençia entró con la silla hasta la dicha
puerta. […] Por la tarde uino el señor conde a restituir la uisita a Su Exçelençia, pero de
Palaçio se le enbió la silla para su persona, decano y lacayos, coche a seis de respetto y otros
dos para la familia. […]. Subió arriba en silla hasta la sala de los títulos, allí Su Exçelençia le
reçibió; […] Su Exçelençia le acompañó hasta la silla que estaua preuenida en la antecámara
de los títulos, se puço en silla y se fue, acompañándole los capitanes y criados de Su Exçe-
lençia hasta la última escalera del pattio, y se fue.62
Tragsessel zählten im Königreich Neapel während des 16. und 17. Jahrhunderts mit Fug
und Recht zu den bedeutendsten Transportmitteln und standen im Rang allein den Karos-
sen nach. Der massive Einsatz von Tragsesseln lässt sich jedoch nur für den oben erwähn-
ten Zeitraum beobachten. Schon für die Regierungszeit der österreichischen Vizekönige ist
in den Quellen ein starker Rückgang bei der Verwendung von Tragsesseln zu bemerken.63
Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass Zeremonialschriften nicht nur eine einfache
Beschreibung von komplexen höfischen Regeln sind, sondern auch eine reiche Informa-
tionsquelle für interdisziplinäre Forschungen darstellen. Im vorliegenden Fall liefern sie
61 Für Herren schickte es sich nicht, über Gebühr auf Tragsessel zurückzugreifen, da diese als Trans-
portmittel für Damen und Kranke galten und deshalb nicht mit dem gängigen Männlichkeitsbild
in Einklang zu bringen waren. Vgl. Cristina Bravo Lozano/Roberto Quirós Rosado (Hg.), En
tierra de confluencias: Italia y la Monarquía de España. Siglos XVI–XVII (Valencia 2013), S. 313.
62 Antonelli 2012 (wie Anm. 1), S. 504, cc. 168r–168v.
63 Vgl. Antonelli 2014 (wie Anm. 26).
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918