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228 Mario Döberl
böhmischer Landtag einberufen worden war. Der Transport des Tragsessels war deshalb
rechtzeitig nach Prag umgeleitet worden, wo das Objekt in den ersten Junitagen kurz
nach dem Kaiserpaar anlangte. Da der toskanische Botschafter Giuliano de’ Medici da-
mals noch in Wien weilte, musste Pietro Ventorini, einer seiner Untergebenen, der in Prag
das Quartier des Botschafters vorbereitete, den Tragsessel entgegennehmen.72 Giuliano
de’ Medici traf schließlich rund zwei Wochen später persönlich in Prag ein und ließ den
Tragsessel sogleich auspacken. Dabei zeigte sich, dass dieser den Transport vollkommen
unbeschadet überstanden hatte. Der Botschafter sah sich somit auch eines lästigen Auf-
trags entledigt. Die Großherzogin von Florenz, die befürchtet hatte, dass der Transport
des Tragsessels viel zu lange dauern würde, hatte Giuliano de’ Medici nämlich angewiesen,
in Wien einen anderen Tragsessel nach genauen Vorgaben anfertigen zu lassen und diesen
vorläufig der Kaiserin zu überreichen, damit diese sich bis zum Eintreffen des Sessels aus
Florenz schon eines Tragevehikels bedienen könne. Dieser Auftrag war durch das zeitge-
rechte Eintreffen des Tragsessels hinfällig geworden. Nun galt es aber, die zum Ensemble
gehörigen Sesselträgerlivreen in aller Eile herstellen zu lassen. Die Zeit drängte nicht nur,
weil die Übergabe des Tragsessels rasch vollzogen werden sollte, sondern auch, weil der
damals in Prag weilende Herzog von Mantua den Wunsch geäußert hatte, das Geschenk
noch vor seiner Überreichung persönlich in Augenschein nehmen zu dürfen. Entgegen
den ursprünglichen Plänen ließ Giuliano de’ Medici die Livreen zusätzlich mit Hüten
samt Federn sowie mit weißen Schuhen ergänzen. Zufrieden konnte er nach Florenz be-
richten, dass die Livreen letztlich perfekt mit dem Tragsessel harmonierten und das Ge-
schenk in seiner Gesamtheit bei den Betrachtern einen äußerst positiven Eindruck hinter-
ließ.73
Die Überreichung des Tragsessels an die Kaiserin fand schließlich am 21. Juni statt.74
Knapp eine Woche später ließ die beschenkte Monarchin den Botschafter bei einer Mess-
feier zu sich rufen und teilte ihm mit, dass sie den Sessel sehr schätze. Sie zeigte sich auch
begeistert darüber, dass es den mitgeschickten Sesselträgern gelinge, sie beim Tragen so
sehr in der Waage zu halten, dass sie dabei fast gar nicht spüre, in Bewegung zu sein.75
In Florenz hatte man von Anfang an befürchtet, dass die vier in Genua angeheuerten
Sesselträger, mit denen die Kaiserin so zufrieden war, Probleme bereiten könnten. Es war
mit ihnen vereinbart worden, dass sie die Reisespesen vorab erhalten und nach ihrer An-
kunft am Kaiserhof so lange dort verbleiben sollten, wie dies Kaiserin Anna genehm sei.
Für die Zeit ihres Aufenthalts wurden ihnen eine monatliche Besoldung von je 8 Scudi so-
72 Pietro Ventorini an Giuliano de’ Medici, Prag 1615 Juni 2, ASF, MdP, filza 4368, unfol.
73 Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Juni 22, ASF, MdP, filza 4368, unfol.
74 Ebenda.
75 Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Juni 29, ASF, MdP, filza 4368, unfol.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918