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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 231
Gonzaga, die Mutter der Kaiserin, die eigens für die bevorstehende Geburt aus Tirol nach
Prag gekommen war, reiste damals verdrossen nach Innsbruck zurück. Ihre Enttäuschung
war so groß, dass sie nicht einmal mehr die geplante Krönung ihrer Tochter zur Königin
von Böhmen abwarten wollte.85 Am 26. Oktober berichtete der toskanische Botschafter
nach Florenz, dass man sich am Kaiserhof dazu entschlossen habe, die Sesselträger wie-
der zurück nach Genua zu schicken. Zwar hätte man sie gerne hier behalten, doch seien
ihre Geldforderungen für eine feste Anstellung zu hoch gewesen.86 Der Zeitpunkt dieser
Entscheidung legt indes nahe, dass beim Entschluss, die vier Männer wieder nach Italien
gehen zu lassen, nicht nur finanzielle Aspekte ausschlaggebend waren, sondern dass auch
das Ende jeglicher Hoffnung auf eine Schwangerschaft der Kaiserin eine Rolle spielte. Ob
der Tragsessel von Kaiserin Anna auch nach 1615 Verwendung am Kaiserhof fand, ist leider
nicht überliefert.
2 3 Zur Jagd im Tragsessel: Ein Präsent aus Mantua für Kaiserin Eleonora Gonzaga (I )
(1623)
Ein Beispiel aus dem Jahr 1623 zeigt, dass es für eine Kaiserin neben Schwangerschaften
auch noch andere Gründe geben konnte, einen Tragsessel zu verwenden. Es unterstreicht
auch deutlich, wie bedeutend italienische Einflüsse für die Ausbreitung von Tragsesseln
am Kaiserhof waren, da damals erneut ein Tragsessel samt Sesselträgern von einem italie-
nischen Fürstenhof an eine Kaiserin gesendet wurde. Die Adressatin war diesmal Annas
Nachfolgerin Eleonora Gonzaga (I.) (1598–1655). Sie war erst im Jahr zuvor als Braut Fer-
dinands II. an den Kaiserhof gekommen. In Wien hatte sie aber offenbar weder einen für
ihre Zwecke passenden Tragsessel noch geeignete Sesselträger vorgefunden. Die Kaiserin
wandte sich deshalb im Sommer 1623 schriftlich an ihren Bruder Ferdinando (1587–1626),
den regierenden Herzog von Mantua. In einem ausführlichen Brief schilderte sie ihm,
welch leidenschaftlicher Jäger ihr Gemahl sei und wie gerne sie ihn auf die Jagd begleiten
würde. Bislang sei sie jedoch erst wenige Male mit ihm zur Jagd ausgeritten, da sie hin-
terher stets von starken Rückenschmerzen geplagt worden sei. Als Alternative zu einem
Reitpferd kam für sie aber weder eine Karosse noch eine Maultiersänfte in Frage, da beide
85 Zorzi Giustinian an Doge Marcantonio Memmo, Wien 1615 Oktober 19, ÖStA, HHStA, Venedig,
DdG, Bd. 50, S. 31.
86 „Qui havrebbono volentieri ritenuto i portasedie, ma come sentirno le loro pretensioni conforme all’ac-
cordo fatto in Genova si risolvettoro à dargli licenza, con dire di volergli dare sodisfazione di quello
hanno servito, […].“ Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Oktober 26, ASF, MdP,
filza 4368, unpag.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918