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Transportmittel für Waldwege ungeeignet seien und darüber hinaus das Wild scheu mach-
ten. Aus diesem Grund ersuchte sie ihren Bruder, er möge ihr doch einen Tragsessel bauen
lassen und zusammen mit diesem sechs Sesselträger schicken. Diese sollten entweder aus
Genua oder aus Neapel stammen, wo Tragsessel besonders stark verbreitet waren. Keines-
falls aber, so die Kaiserin, sollte ein gemischtes Sesselträgerteam, das sowohl aus Genuesen
als auch aus Neapolitanern bestünde, an den Kaiserhof gesendet werden, da Streitigkeiten
damit bereits vorprogrammiert wären und sie derartige Konflikte nicht ertragen könne.87
Gegen Jahresende trafen der gewünschte Tragsessel und die sechs Sesselträger schließlich in
Wien ein, wofür sich die Kaiserin bei ihrem Bruder brieflich bedankte.88 Ob sich der Her-
zog für Sesselträger aus Genua oder Neapel entschied, geht aus dem Schreiben leider nicht
hervor. Zu Beginn des Jahres 1624 ließ die Kaiserin in Mantua nachfragen, welchen Betrag
sie für den Tragsessel und das mitgeschickte Personal schuldig sei.89 Wir können davon
ausgehen, dass sie diese Anfrage nur der Form halber stellen ließ, denn es ist kaum vor-
stellbar, dass der Herzog von Mantua sich die Gelegenheit entgehen ließ, seiner Schwester
mit dem Tragsessel ein Geschenk zu machen. Über die anschließende Verwendung des
Präsents durch die Kaiserin liegen keine Informationen vor. Ob sie den Tragsessel nur auf
der Jagd oder auch zu anderen Anlässen benutzte, ist unbekannt. Fest steht allein, dass sie
ihn nicht während einer Schwangerschaft benötigte, da ihre Hoffnung auf Nachkommen-
schaft unerfüllt blieb.
Bedauerlicherweise lässt sich den vorliegenden Quellen auch nicht entnehmen, wie der
aus Mantua stammende Tragsessel gestaltet war. Wahrscheinlich handelte es sich dabei
jedoch um ein geschlossenes Vehikel, hätte doch der Gebrauch eines offenen Tragsessels
bei Jagden im Wald durch das dort anzutreffende dornige Gestrüpp oder durch zurück-
schwingende Äste unberechenbare gesundheitliche Risken für die Insassin mit sich ge-
bracht. Der Verwendungszweck legt weiterhin nahe, dass der Tragsessel zumindest außen
87 „Serenissimo fratello mio amatissimo, di già l’altezza vostra è informata del gusto che ha l’imperatore
mio signore nella caccia, et questo se le radoppia quando vede che l’habbino altri, et io in particolare: il
che fa che non patisce volontieri ch’io resti quando egli esce alla campagna … poiché quelle poche volte
ch’io cavalcato son restata fuor di modo offesa nella schena, hora non potendo io esser seco né in carrozza
né in letica per la qualità de’ boschi, et perché si smarirebbero gli animali, ho pensato di valermi delle
comodità della seggietta, et a questo effetto vivamente prego l’altezza vostra a farmene far una, et pro-
vedermi di sei segettarii o napolitani o genovesi come ella stimerà meglio, pure che siano tutti di una
natione perché mi daria troppo pena il vederli in contrasto tra loro, come facilmente seguirebbe quando
altri fossero genovesi et altri napolitani …“. Eleonora Gonzaga an Ferdinando Gonzaga, Wien 1623
Juli 22, Venturini 2002 (wie Anm. 51), S. 683.
88 Eleonora Gonzaga an Ferdinando Gonzaga, Wien 1623 Dezember 6, ebenda, S. 687.
89 Vincenzo Zucconi an Alessandro Striggi, Großkanzler von Mantua, Wien 1624 Februar 3, ebenda,
S. 689.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918