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234 Mario Döberl
mit widerstandsfähigem Material – wie etwa Leder – bezogen war. Einen Eindruck davon,
wie der mantuanische Tragsessel ausgesehen haben könnte, gibt eine Zeichnung (Abb. 5)
des württembergischen Hofbaumeisters Heinrich Schickhardt (1558–1635), die dieser auf
einer Italienreise im Jahr 1600 angefertigt hatte.90 Sie zeigt den persönlichen Tragsessel des
damals regierenden Herzogs von Mantua, Vincenzo I. Gonzaga (1562–1612). Dieses Trans-
portmittel verfügte über ein tonnengewölbtes Dach, war rückwärts und seitlich geschlos-
sen und an der Vorderseite, an der bei später entstandenen, vergleichbaren Tragsesseln
meist die Türe zu finden ist, zur Gänze geöffnet. Zusätzlich ließen sich jedoch bei Bedarf
auch Teile des Dachs und der seitlichen Wände, die mit kleinen, verglasten Fensteröffnun-
gen versehen waren, entfernen. An den Seitenwänden waren im unteren Bereich jeweils
drei Metallbügel befestigt, durch die die Trageholme geschoben werden konnten. Die fix
eingebaute Sitzbank, auf der wohl nur eine Person Platz fand, war äußerst schlicht ge-
staltet und bot keinerlei Komfort für den Passagier. Dies ist wohl darauf zurückzuführen,
dass Schickhardt sich nur für die konstruktiven Details interessierte – darauf weisen auch
die vielen Maßangaben seiner Zeichnung hin – und auf die bildliche Dokumentation
der Polsterung und textilen Ausstattung des Tragsessels völlig verzichtete. Der Zeichnung
beigefügte Notizen verraten unter anderem, dass zur Bedienung des Tragsessels insgesamt
sechs Männer benötigt wurden, die einander ständig abwechselten, um so Übermüdungen
und damit auch Unfällen vorzubeugen.
Die Zahl der Personen, die für die Beförderung des von Schickhardt gezeichneten Trag-
sessels nötig waren, stimmt mit der Zahl der italienischen Sesselträger überein, die der
Herzog von Mantua 1623 an den Kaiserhof entsandte. Diese sechs Personen verblieben
nach ihrer Ankunft in Wien offenbar dauerhaft in Diensten Eleonora Gonzagas (I.), denn
von 1625 datiert die Nachricht, dass die sechs Sesselträger der Kaiserin neu eingekleidet
wurden.91 Sie waren demnach die ersten Sesselträger, für die am Kaiserhof Planstellen ge-
schaffen wurden. Ihre Anzahl blieb auch in den Jahren nach 1625 stabil, denn auch 1629
und 1630 ist in Archivalien wiederholt von der Herstellung neuer Livreen für sechs Ses-
selträger Eleonora Gonzagas (I.) die Rede.92 Besonders aufwendig waren die 1630 ange-
schafften Livreen gestaltet, die dem Auftreten des Kaiserpaares auf dem Kurfürstentag
von Regensburg besonderen Glanz verleihen sollten. Das Aussehen der damals gelieferten
Dienstkleider ist in schriftlicher Form minutiös überliefert. Dabei lässt sich feststellen, dass
sich die Livreen der Sesselträger von jenen der übrigen Hofdiener durch eine andersartige
Gestaltung abhoben. Nur die Sesselträger wurden mit langen, weitärmeligen, sogenannten
90 Zu dieser Zeichnung siehe auch Wackernagel 2002 (wie Anm. 20), Bd. 1, S. 74, Bd. 2, S. 97.
91 ÖStA, FHKA, HZAB, Bd. 76, fol. 532v (Anno 1625).
92 ÖStA, FHKA, Hoffinanz Österreich, Bd. 729, fol. 163v (1629 April 19) und 193v (1629 April 21) sowie
Bd. 731, fol. 203v (1629 April 21); ÖStA, FHKA, NÖHA, K. 780, fol. 760v–763v (1630 Mai 10).
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918