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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 235
„französischen“ Flügelmänteln ausgestattet. Diese waren aus gelbem Samt gefertigt, mit
schwarzem, feinem englischen Tuch gefüttert und mit gelb-weißen Seidenborten sowie
mit gleichfarbigen, großen „französischen“ Seidenknöpfen besetzt. Ähnliche Materialien,
Applikationen und Farben wiesen auch die dazugehörigen Kleidungsstücke auf, nämlich
ein Rock, ein Wams, Hosen, Strümpfe, Gürtel und ein Gehänge. Komplettiert wurde die
Livree durch einen Hut aus Biberfell, auf den ein Federbusch aufgesetzt war.93
2 4 Exkurs I: Nachrichten über frühe Tragsessel am Innsbrucker Hof
Als Vergleichsbeispiel für den Kaiserhof bietet sich hinsichtlich der Ausbreitung von Trag-
sesseln der Innsbrucker Hof an, an dem seit 1564 Mitglieder einer Nebenlinie der öster-
reichischen Habsburger als Tiroler Landesfürsten regierten. Wie bereits erwähnt, finden
sich Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts noch keine Spuren von Tragsesseln in
den Inventaren der Herrscher Tirols. Weder lassen sich solche im Nachlassinventar Ferdi-
nands II. von Tirol von 1596 noch in Inventaren von Erzherzog Maximilian III. von 1614
und 1618/19 nachweisen. Tragsessel wurden am Innsbrucker Hof allem Anschein nach in
der zweiten Hälfte der 1620er Jahre eingeführt, also nur wenige Jahre nach ihrer Etablie-
rung am Kaiserhof. Auffallend ist nicht nur diese zeitliche Nähe, sondern auch die Tatsa-
che, dass die ersten archivalisch dokumentierbaren Tragsessel am Innsbrucker Hof gleich-
falls italienischer Provenienz waren. Sie wurden von Claudia de’ Medici (1604–1648)94
1626 aus der Toskana mitgebracht. Im 1625 erstellten Inventar der Brautausstattung dieser
Florentiner Fürstin, die sich ein Jahr später mit dem Tiroler Landesfürsten Erzherzog Leo-
pold V. (1586–1632) vermählen sollte, finden sich gleich zwei repräsentative Tragsessel. Ei-
ner der beiden war mit blauem Samt bezogen, mit vergoldeten Ziernägeln beschlagen und
mit einer rotledernen, kuppelartigen Bedachung versehen, die an der Innenseite eine blaue
Damastbespannung aufwies. Der Sessel war zudem mit Spitzen sowie mit blauseidenen
und goldenen Fransen geschmückt und im Inneren mit reichen Verzierungen ausgestattet.
An seiner Außenseite dominierte die Farbe Rot. Alle Eisenbeschläge dieses Tragsessels wie
auch die Schnallen der Tragegurte waren vergoldet.95 Das andere Objekt der Brautaus-
93 ÖStA, FHKA, NÖHA, K. 780, fol. 760v–763v (1630 Mai 10).
94 Zu ihr siehe Sabine Weiss, Claudia de’ Medici. Eine italienische Prinzessin als Landesfürstin von
Tirol (1604–1648) (Innsbruck/Wien 2004); dies., Der Innsbrucker Hof unter Leopold V. und
Claudia de’ Medici (1619–1632). Glanzvolles Leben nach Florentiner Art. In: Noflatscher/Nie-
derkorn 2005 (wie Anm. 32), S. 241–348.
95 „Una seggiola da portare di velluto turchino con bullette dorate, e trine, e frange di seta turchina, et
oro, con sua coperta a cupola di sommacchi rossi foderati di domm[asc]o turchino con guarn[izion]e
drento d.o e seta turchina, e fuori rossa con tutti ferram[en]ti dorati con sue cigne di fibbie dorate“. ASF,
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918