Page - 237 - in Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Image of the Page - 237 -
Text of the Page - 237 -
Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 237
gesetzt. Er versah das Vehikel zudem mit einem „loch in der mitten“, womit vielleicht der
Einbau eines Aborts umschrieben ist.99 Vermutlich lässt sich dieser grünsamtene Tragsessel
mit einem gleichfarbigen Tragsessel identifizieren, den Erzherzog Leopold V. laut einer
Augenzeugenbeschreibung im Jahr 1628 benutzte. Die diesbezügliche Nachricht stammt
von Philipp Hainhofer aus Augsburg, der sich im April und Mai jenes Jahres für mehrere
Wochen in Innsbruck aufhielt. Er berichtete von dort, dass sowohl der Tiroler Landes-
fürst, der nach einem Kuraufenthalt noch rekonvaleszent war, als auch seine zu jener Zeit
hochschwangere Gemahlin Claudia de’ Medici längere Wegstrecken innerhalb der Stadt
im Tragsessel zurücklegten. Nur den Tragsessel des Erzherzogs beschrieb Hainhofer etwas
näher: Er war mit grünem Samt bezogen und verfügte über eine Bedachung.100
Obwohl am Innsbrucker Hof seit der zweiten Hälfte der 1620er Jahre Tragsessel in Ver-
wendung standen, sind für diese Zeit noch keine Sesselträger im erzherzoglichen Hof-
staat nachweisbar.101 Es ist deshalb unklar, wer damals die Tragsessel des Landesfürsten und
seiner Gemahlin beförderte und woher das eingesetzte Sesselträgerpersonal kam. Auch in
einem Hofstaatsverzeichnis von 1645 der damals bereits verwitweten Claudia de’ Medici,
in dem zahlreiche Stalldiener angeführt sind, finden sich noch keine Sesselträger.102 Erst
in Verzeichnissen der frühen 1660er Jahre sind mehrere davon im Innsbrucker Hofstaat
dokumentiert.103
2 5 Königin und Kaiserin Maria Anna und ihre Tragsessel
Gelangte eine ausländische Prinzessin als Braut an den Kaiserhof, wurde dies in Wien
in der Regel zum Anlass genommen, den Fuhrpark zu überholen und neue, repräsenta-
tive Gefährte für die ankommende Fürstin herstellen zu lassen. Gleichzeitig brachte die
99 „Erstens den 29. may anno 1626 ainen tragsessl von grien gmussierten samet beschlagen, die ann-
dern firhenng von grien gemussierten samet mit ibergulten nöglen beschlagen, die anlain und
armblain mit ybergulten negl beschlagen. Ain loch in der mitten gemacht, auch seideni und gul-
deni fransen daran beschlagen, den fuessdrit von roten cordewan yberzogen […]. Mer 6 pfund ge-
sottenes rosshar zu dem sessl gebraucht […].“ Ebenda. Über derartige in die Sitzpolster eingebaute
Aborte verfügen auch die beiden erhaltenen Hofsänften der kaiserlichen Wagenburg (Inv.-Nrn. W
90 und W 91).
100 Oscar Doering, Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dres-
den (Wien 1901), S. 35 f.
101 Vgl. die Hofstaatsverzeichnisse von 1626/28, 1629 und 1632. TLA, Hs. 5157 und TLA, Kunstsachen
I 718.
102 TLA, Hs. 1420.
103 Vgl. die Hofpfennigmeisteramtsrechnungen von 1660 (TLA, Hs. 1965, fol. 124v–126r) und das
Hofstaatsverzeichnis von 1662 (TLA, Ambraser Memorabilien I 173).
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
back to the
book Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts"
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918