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Vor 1918
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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242 Mario Döberl Für das Jahr 1640 lässt sich am Kaiserhof erstmals mit Sicherheit die Verwendung eines Tragsessels bei einer Taufe und auch beim nachfolgenden Hervorgang der Kindesmutter aus dem Kindbett nachweisen. Am 9. Juni 1640 wurde frühmorgens Erzherzog Leopold, der spätere Kaiser Leopold I., in Wien geboren. Sein Vater, Kaiser Ferdinand III., hatte die Niederkunft seiner Frau Maria Anna nicht abgewartet, sondern war bereits zuvor nach Regensburg zu einer Reichsversammlung abgereist. Die Taufe des Prinzen fand noch am Abend des Tages der Entbindung Geburt in Anwesenheit des in Wien verbliebenen Hof- staats im eigens für diesen Anlass kostbar ausgestatteten „grossen Saal“ der Hofburg statt. Gräfin Susanna Veronika Trautson, die damals für sämtliche kaiserlichen Kinder das Amt der Obersthofmeisterin versah, kam die Aufgabe zu, den neugeborenen Erzherzog vom Kindbett der Kaiserin, die nur wenige Stunden nach der Geburt nicht selbst an der Taufe teilnehmen konnte, bis zu jenem Saal zu bringen, in dem die Taufzeremonie stattfand. Diese Strecke legte sie in einem „rothsammeten Trag-Sessel“ zurück, wobei sie den kleinen Prinzen im Arm hielt. An der Schwelle zum Saal entstieg sie dem Tragsessel und übergab den Täufling Franz Christoph von Khevenhüller, der in Vertretung des abwesenden kai- serlichen Obersthofmeisters das Kind zu Fuß bis zum Altar trug. Nach vollendeter Tauf- zeremonie brachte Khevenüller das Neugeborene wieder bis zur Tür des Saals, wo Gräfin Trautson es entgegennahm, sich abermals in den Tragsessel setzte und auf diese Weise den kleinen Erzherzog wieder zu seiner Mutter brachte.123 Mit großer Wahrscheinlichkeit ist der bei dieser Tauffeier verwendete Tragsessel mit jenem identisch, der anderen Quellen zufolge nur wenige Monate zuvor neu hergestellt wurde. Im Januar 1640 hatte der kaiserliche Oberststallmeister Maximilian Graf Waldstein um die Freimachung von Finanzmitteln zur Herstellung eines neuen Tragsessels für die Kaiserin angesucht, worauf die Finanzbehörden rückfragten, welche Farbe dieser Tragsessel haben solle.124 Aus Protokollbucheinträgen der kaiserlichen Hoffinanz vom März und April geht hervor,125 dass der Tragsessel schließlich mit rotem Samt bespannt wurde, also in glei- cher Farbe und mit gleichem Stoff, wie dies für den Tragsessel, der im Juni desselben Jahres bei der Taufe zum Einsatz kam, überliefert ist. Das erforderliche Material wurde beim in Wien ansässigen Handelsmann Stephan Abiso bestellt und kostete 580 Gulden.126 Weiter- 123 Theatrum Europaeum, Bd. 4 (Frankfurt a. M. 1692), S. 274 f. Eine Transkription dieser Quelle findet sich auch in Katrin Keller, Hofdamen. Amtsträgerinnen im Wiener Hofstaat des 17. Jahr- hunderts (Wien/Köln/Weimar 2005), S. 245 f. 124 ÖStA, FHKA, Hoffinanz Österreich, Bd. 774, fol. 60r (1640 Januar 23). 125 ÖStA, FHKA, Hoffinanz Österreich, Bd. 774, fol. 236r (1640 März 14), fol. 305v (1640 April 3) und fol. 381v (1640 April 3). 126 ÖStA, FHKA, HZAB, Bd. 86, fol. 227 (1640 Mai 18); erwähnt auch in E. Schwaighofer, Auszüge aus den Hofzahlamtsrechnungen in der Nationalbibliothek. II. Theil (224–498). In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien, N. F., Bd. 12 (Wien 1938), S. 227–237, hier Reg. 256. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Title
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Subtitle
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Author
Mario Döberl
Editor
Alejandro López Álvarez
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Size
17.5 x 24.7 cm
Pages
432
Categories
Geschichte Vor 1918
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