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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 245
dies nicht zwangsläufig, dass Tragsessel damit fortan ein fester Bestandteil bei derartigen
zeremoniellen Ereignissen gewesen wären.139 Eher scheint das Gegenteil der Fall gewesen
zu sein. Zwar orientierte sich der Ablauf von Zeremonien damals häufig an Vorbildern der
Vergangenheit, war aber keineswegs völlig erstarrt, sondern vielmehr in ständiger Entwick-
lung begriffen. Um feststellen zu können, ob, wann und auf welche Art Tragsessel bei Tau-
fen und Hervorgängen in das Hofzeremoniell integriert wurden, ist es nötig, die einzelnen
Beschreibungen von Kindstaufen und Hervorgängen am Kaiserhof auszuwerten. Die beste
vorhandene Quellengrundlage bilden hierfür die ab 1652 angelegten Hofzeremonialproto-
kolle.140 Doch selbst dort bieten die Schilderungen nicht immer Informationen darüber,
ob bei den Feiern Tragsessel zum Einsatz kamen oder ob auf sie verzichtet wurde. Wenden
wir uns zunächst den Taufen zu.
Gar keinen Rückschluss auf die Verwendung von Tragsesseln erlauben etwa die äußerst
knapp gehaltenen Taufbeschreibungen für die Habsburgerkinder Eleonore Maria Josepha
(1653)141, Johann Leopold (1670)142, Anna Maria Sophia (1674)143, Christine (1679)144, Maria
Theresia (1684)145 und Maria Josepha (1687)146. Die Taufen von Maria Anna (1683) und
Karl, dem späteren Kaiser Karl VI. (1685), finden in den Zeremonialprotokollen nicht
einmal Erwähnung.147 Für die Taufe von Maria Anna Josepha (1654)148 ist dokumentiert,
dass der an der Gicht leidende Kindesvater, Kaiser Ferdinand III., sowie die damals be-
reits etwas betagtere Kaiserin-Witwe Eleonora Gonazaga (I.) in Tragsesseln in die Ritter-
stube befördert wurden. Hinsichtlich der direkt nachfolgenden Obersthofmeisterin der
139 Das Taufzeremoniell am Kaiserhof wurde bereits von Irene Kubiska anhand der entsprechenden
Zeremonialprotokolleinträge ausgewertet. Kubiska rückt in ihrer Arbeit vor allem idealtypisch
verlaufene Taufen in den Vordergrund; dynamischen Prozessen hinsichtlich der im Lauf der Zeit
unterschiedlichen Verwendung von Tragsesseln schenkt sie dagegen weit weniger Augenmerk.
Irene Kubiska, „Und ist wegen dieser so glückhlich- und trostreichen geburth ein allgemeines fro-
lockhen und grosse freydt gweesen“. Das Geburten- und Taufzeremoniell am Wiener Hof im Zeit-
raum von 1652 bis 1800. In: Irmgard Pangerl/Martin Scheutz/Thomas Winkelbauer (Hg.), Der
Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle (1652–1800). Eine Annäherung (Forschungen
zur Landeskunde von Niederösterreich 31 / Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte
47, Innsbruck/Wien/Bozen 2007), S. 493–527.
140 Zu den Hofzeremonialprotokollen siehe vor allem Pangerl/Scheutz/Winkelbauer 2007 (wie
Anm. 139).
141 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 1, S. 218.
142 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1482.
143 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1767–1769.
144 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3, fol. 198v.
145 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4, fol. 108r–v.
146 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4, fol. 183r–v.
147 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4.
148 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 1, S. 448–451.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918