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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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252 Mario Döberl In der letzten Phase seines Lebens war Kaiser Ferdinand II. bestrebt, die Nachfolge im Reich zugunsten seines ältesten damals noch lebenden Sohnes, Ferdinand III., zu sichern. Obwohl die politischen Rahmenbedingungen dafür zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges alles andere als einfach waren, gelang es Ferdinand II. wenige Wochen vor seinem Tod, sein letztes großes politisches Projekt mit Erfolg zu Ende zu führen: Am 22. Dezember 1636 wählte das Kurfürstenkollegium im Regensburger Dom Ferdinand III. einstimmig zum Römischen König und damit zum designierten Nachfolger des Kaisers. Unmittelbar nach vollzogener Wahl begab sich der Kaiser, der die Tage zuvor von der Gicht geplagt das Bett hatte hüten müssen, persönlich in den Dom, wo er vom Wahlergebnis offiziell in Kenntnis gesetzt und von den Kurfürsten und seinem Sohn empfangen wurde. Im An- schluss an das „Te Deum“ verließen die Kurfürsten, Ferdinand II. und Ferdinand III. den Dom in Richtung Rathaus, wobei der stark entkräftete Kaiser in einem Tragsessel unter einem Baldachin befördert wurde und der neu gewählte König ihm in kurzem Abstand zu Fuß folgte.201 Auch bei der auf den 30. Dezember 1636 angesetzten Krönung selbst musste Ferdinand II. den Weg von seinem Quartier bis zur Krönungskirche und nach beendeter Zeremonie zum Krönungsbankett in einem Tragsessel bestreiten. Auch hierbei wurde über den gebrechlichen Monarchen und seinen ihm zu Fuß folgenden Sohn ein Baldachin ge- spannt.202 Wie der Anblick des hinfälligen Monarchen von den Zuschauern in Regensburg wahrgenommen wurde, ist zwar nicht überliefert. Vielleicht reagierten sie aber ähnlich wie die Bevölkerung Wiens, die sich rund sechs Wochen später beim Einzug Ferdinands II. in der kaiserlichen Residenzstadt angesichts des vom nahenden Tode gezeichneten Kaisers tief ergriffen zeigte, wie der damalige diplomatische Vertreter Venedigs am Kaiserhof berich- tete.203 Ganz bestimmt aber evozierte der alte und gebrechliche Ferdinand II. im Tragsessel nicht das Bild eines triumphierenden Herrschers auf seinem Thron. 201 Alfons Semler (Bearb.), Die Tagebücher des Dr. Johann Heinrich von Pflummern 1633–1643, hg. vom Badischen Landesarchiv (Beiheft zur Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins Bde. 98–100, 1950–1952), S. 314; Burgi Knorr, Die Wahl von Ferdinand III. zum Römischen König 1636. In: Möseneder 1986 (wie Anm. 50), S. 175–178, hier S. 177. 202 Semler 1950–1952 (wie Anm. 201), S. 316; Khevenhüller 1721–1726 (wie Anm. 61), Bd. 12, Sp. 1933; Theatrum Europaeum, Bd. 3 (Frankfurt a. M. 1670), S. 745; Johann Christian Lünig, Thea- trum ceremoniale historico-politicum, 2 Bde. (Leipzig 1719–1720), Bd. 1, S. 1150; Christine Lind- ner, Die Krönung Ferdinands III. zum Römischen König 1636. In: Möseneder 1986 (wie Anm. 50), S. 179–183, hier S. 179. 203 „[…] havendo fatto l’ingresso senz’alcuna pompa, ma con insoliti applausi della nobiltà, et del popolo, gravemente commossi del poco buon stato della m[aes]tà sua, deteriorata in estremo […].“ Venezia- nischer Resident Giovanni Battista Ballarino an Doge Francesco Erizzo, Wien 1637 Februar 14, ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 80, S. 572. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Title
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Subtitle
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Author
Mario Döberl
Editor
Alejandro López Álvarez
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Size
17.5 x 24.7 cm
Pages
432
Categories
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