Page - 254 - in Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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254 Mario Döberl
Nach dem Tod Ferdinands II. am 15. Februar 1637 ging die Kaiserwürde auf seinen
Sohn Ferdinand III. über. Die ersten Jahre seiner Regentschaft konnte Ferdinand III. noch
ohne erhebliche gesundheitliche Probleme bestreiten. Ab 1652 häufen sich allerdings die
Nachrichten von der fortschreitenden Gebrechlichkeit des damals erst vierundvierzig Jahre
alten Monarchen.204 Der venezianische Gesandte am Kaiserhof berichtete damals von der
„üblichen Indisponiertheit der Beine“205, die Ferdinand III. plagte, oder der gewöhnlichen
„flussione“ am Fuß, womit wohl von der Gicht herrührende Entzündungen bezeichnet
wurden, die den Kaiser immer wieder tagelang ans Bett fesselten.206 Ferdinand III. war
zeitweilig nicht mehr in der Lage, sich selbstständig auf den Beinen zu halten, und war
deshalb darauf angewiesen, sich mit Hilfe von Tragsesseln, Sänften oder Kutschen fortzu-
bewegen. Als beispielsweise der in Prag weilende Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen
am 13. November 1652 seine Abschiedsaudienz beim Kaiser hatte, begleitete ihn dieser
gemäß den Gepflogenheiten bis zum Ort, an dem er den Gast zu Beginn seines Besuchs
empfangen hatte. Ferdinand III. war damals aber nicht mehr im Stande, die Stufen bis zur
Kutsche zu Fuß hinabzusteigen, weshalb er sich bis dorthin tragen lassen musste.207
Anfang Dezember des Jahres 1652 brach der Kaiser nach Regensburg auf, wo ein
Reichstag einberufen worden war und die Wahl des Römischen Königs vonstattengehen
sollte. Am 12. Dezember erfolgte der solenne Einzug in die Stadt. Der Kaiser zog damals
jedoch nicht, wie dies bislang üblich gewesen war, zu Pferd in die Reichsstadt ein, son-
dern bediente sich ebenso wie seine Gemahlin und sein Sohn Ferdinand IV. einer Karosse.
Dem Einzug waren Verhandlungen mit den Kurfürsten vorangegangen, die diese Neue-
rung nicht einfach so hinnehmen wollten, sich dann aber dem Argument, der Kaiser sei
unpässlich, beugen mussten.208 Damit war ein Präzedenzfall geschaffen, denn von da an
fanden bei Wahltagen bis zum Ende des Reiches die feierlichen Einzüge habsburgischer
Herrscher stets im Wagen statt. In den Wochen und Monaten nach dem Einzug von 1652
204 Mark Hengerer, Die letzten Lebensjahre, Krankheit und Tod Kaiser Ferdinands III. (1608–1657).
In: Frühneuzeit-Info 18/1–2 (2007), S. 24–38, hier S. 29.
205 „Attrovandosi la maestà dell’imperatore obbligato al letto per l’ordinaria indisposition delle gambe,
[…].“ Venezianischer Botschafter Girolamo Giustinian an Doge Francesco Molin, Wien 1652
März 9, ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 102, S. 22.
206 „La maestà dell’imperatore hieri abbandonò il letto ove si è tenuta questi ultimi giorni per la solita flus-
sione nel piede, […].“ Venezianischer Botschafter Girolamo Giustinian an Doge Francesco Molin,
Prag 1652 November 13, ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 102, S. 319.
207 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 1, S. 50.
208 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 1, S. 56–72; Venezianischer Botschafter Girolamo Giustinian an Doge
Francesco Molin, Prag 1652 Dezember 25, ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 102, S. 369 f.; Bar-
bara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des
Alten Reiches (München 2008), S. 156 f.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918