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260 Mario Döberl
ihn dieser mit einer Gegenfrage: Warum nehme er an, der Kaiser wolle die Hofmusik re-
formieren, wo dieser doch auch von einer Reform seines Stalles Abstand nehme?225 Es hat
den Anschein, als seien die Beharrungskräfte damals noch stärker gewesen als der Wille
zur Reform.
Etwas mehr als ein Jahr später scheint ein Abrücken vom Status quo jedoch plötzlich
unvermeidlich gewesen zu sein. Am 15. Januar 1657 beauftragte Ferdinand III. seinen
Oberststallmeister Franz Albrecht Graf Harrach, zu dessen Kompetenzen auch die Ver-
waltung der Tragsessel zählte, Bericht zu erstatten, wo er „bey gegenwertigen schwären
zeitten“ und wegen der „allerseits erschöpfften mitln“ in seinem Amtsbereich Streichun-
gen vornehmen könne.226 Harrach machte sich daraufhin sogleich an die Ausarbeitung
eines Reformkonzepts. Sein Ansatzpunkt für eine mögliche Ausgabenreduktion war der
Stand der Pferde und Maultiere des Hofmarstalls, der sich damals auf insgesamt 385
Stück belief und den er in einem ersten relativ unambitionierten Entwurf, der mit 28.
Februar 1657 datiert ist, um 24 Stück auf 361 Tiere verringern wollte. Weniger Reit-,
Zug- und Tragetiere bedeuteten nicht nur niedrigere Futterkosten, sondern auch redu-
zierte Personalkosten, war doch für die Versorgung von drei Pferden jeweils ein Stall-
knecht abgestellt.227
Für die Tragsessel und deren Bedienungspersonal scheint dieser erste Entwurf Har-
rachs noch keine Konsequenzen gehabt zu haben. Aus Harrachs Unterlagen geht hervor,
dass für den Transport der Tragsessel und der mit Stichtag 1. März 1657 vorhandenen
sechzehn Sesselträger228 zum jeweiligen Einsatzort und von dort wieder zurück stets zwei
Fahrzeuge mit jeweils vier Zugpferden abgestellt waren. Hinzuzurechnen sind hier noch
zwei Kutscher, die den beiden Pferdezügen zugeteilt waren, sowie zwei bis drei Stall-
knechte für die Pflege der Tiere, was bedeutet, dass für den Tragsesseldienst weit mehr
personelle und finanzielle Ressourcen benötigt wurden als allein für das Sesselträgerper-
sonal und die Tragsessel selbst. Bei Hofreisen zu Wasser mussten zudem für den Trans-
port von Sesselträgern und Tragsesseln eigene Schiffe gemietet werden, was mit weiteren
225 „et il p[rin]c[i]pe di Auspergh al m[aest]ro cappella che forse troppo curioso li domandava se era vera la
voce di questa riforma, rispose, perche volete veri [?] che s[ua] m[aestà] ces[area] riformi la musica, se
non vuole riformar la stalla?“ Toskanischer Resident Felice Marchetti, Wien 1655 Dezember 4, ASF,
MdP, filza 4400, unfol.
226 ÖStA, AVA, FA Harrach, Akten, K. 796, Konv. „Oesterreich, Hofstaat. Gestütte Lippizza und
Kladrub und Oberststallmeisteramt.“, fol. 83r.
227 Unsigniert, aber wohl Oberststallmeister Franz Albrecht Harrach, Wien 1657 Februar 28, ÖStA,
AVA, FA Harrach, Akten, K. 796, Konv. „Oesterreich, Hofstaat. Gestütte Lippizza und Kladrub
und Oberststallmeisteramt.“, fol. 85–94.
228 Siehe Kapitel 6.3.
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918