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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 263
Stallgebäude. Durch langjährige Verwendung unbrauchbar gewordene Tragsessel wurden
in jener Zeit vielleicht auch ausgemustert.
Ein Bedarf an Tragsesseln entstand erst wieder, als die langwierigen Verhandlungen
rund um die geplante Ehe zwischen Leopold I. und seiner ersten Frau Margarita Teresa239
endlich abgeschlossen waren und man die Braut am Kaiserhof erwartete. Im Vorfeld der
Hochzeit wurden zahlreiche neue Fahrzeuge für das Kaiserpaar und seinen Hofstaat be-
stellt.240 Den Goldstoff und die kostbaren Stickereien für die hochrangigsten unter den
damals angeschafften Transportmitteln ließ der kaiserliche Oberststallmeister in Paris an-
fertigen. Unter den Prunkvehikeln befanden sich auch zwei Tragsessel241, von denen einer
gemeinsam mit dem Brautwagen und einer Maultiersänfte, die gleichfalls Pariser Erzeug-
nisse waren, ein Ensemble bildete.242 Die Karosse, die Maultiersänfte und der Tragsessel
wurden beim feierlichen Brauteinzug in Wien am 5. Dezember 1666 leer mitgeführt. Sie
sind auch auf mehreren zeitgenössischen Stichen zur kaiserlichen Vermählung von 1666
dargestellt, darunter auch im Chronikwerk „Theatrum Europaeum“ (Abb. 9).243 Der Au-
thentizitätsgrad der dort abgebildeten repräsentativen Transportmittel ist jedoch als äu-
ßerst gering einzuschätzen.244 So ist die Darstellung des offenen Tragsessels mit seinem
überbordenden Muscheldekor offensichtlich der Phantasie des Künstlers entsprungen,
handelte es sich dabei laut Fuhrparkinventar von 1678 doch tatsächlich um ein mit fünf
239 Zu den zähen Verhandlungen siehe Alfred Francis Pribram, Die Heirat Kaiser Leopold I. mit
Margaretha Theresia von Spanien. In: Archiv für österreichische Geschichte 77 (1891), S. 319–375.
240 Siehe dazu vor allem Mario Döberl, Der Fuhrpark Kaiser Leopolds I. Teiledition der Wiener
Hofmarstallinventare von 1678. In: Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien 12 (2010), S.
276–309.
241 Siehe dazu Kapitel 6.1.
242 Galeazzo Gualdo Priorato, Historia di Leopoldo Cesare, continente le cose più memorabili
successe in Europa dal 1656 fino al 1670, 3 Bde. (Wien 1670–1674), Bd. 3, S. 78.
243 Für andere Darstellungen, auf denen der Tragsessel stets ähnlich dargestellt ist, siehe beispiels-
weise das Werk von Gualdo Priorato 1670–1674 (wie Anm. 242), Bd. 3; und John Roger Paas,
The German Political Broadsheet 1600–1700, Bd. 9 (Wiesbaden 2007), P-2871, P-2872, P-2873,
P-2890, P-2891.
244 Der Künstler und Verleger Melchior Küsel gestand in seiner an den Kaiser gerichteten Widmung
einer weit verbreiteten Darstellung des 1666 erfolgten Brauteinzugs, auf dem auch die Darstellung
im „Theatrum Europaeum“ basiert, er habe das Werk bereits zwei Wochen vor dem Ereignis „auß
lauter einbildung“ in Kupfer gestochen; vgl. Friedrich Kryza-Gersch/Barbara Ruck, Ave Claudia
Imperatrix. Die Vermählung Kaiser Leopolds I. mit Erzherzogin Claudia Felicitas von Tirol in
Graz 1673. Schloß Eggenberg als Residenz der kaiserlichen Braut (Ausstellungskatalog, Veröffent-
lichungen der Abteilung Schloß Eggenberg 3, Graz 1983), S. 14. Für ein anderes Beispiel zur man-
gelnden Authentizität von Kutschendarstellungen auf Stichen zu Festeinzügen siehe auch Döberl
2010 (wie Anm. 240), S. 279.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918