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Amália
Kerekes346
lige positive ideologiekritische Aufladung, wie sie bis heute meistens gehandhabt
werden, gehen auf diese Periode zurück. Die Erforschung der Formen der urbanen
Mobilität, die Sichtbarmachung städtischer Alteritäten imitierte lange Zeit jene
vermeintliche die Aufbruchsstimmung, die Entdeckerfreude der Jahrhundertwen-
de, die gewissermaßen auch dem Konzept der Transdifferenz eingeschrieben ist.
Die Idee der »Partizipation an verschiedenen Kommunikations- beziehungsweise
Interaktionsformationen«, die einer pluralistischen bürgerlichen Öffentlichkeit
eigen sein dürfte, hatte eine einseitige Fokussierung auf die basale Operation der
Transdifferenz, auf die »Subversion rigider kollektiver Inklusions-/Exklusionsme-
chanismen«10 zur Folge und konnte den systemischen, stagnierenden Momenten
der Moderne wenig abgewinnen, vergaß also vor lauter Differenzproduktion jenen
Aspekt, den der Transdifferenzbegriff produktiv ausleuchten kann, der mit den
Worten von Klaus Lösch »weder Synthese noch tendenziell radikale Dekonstruktion
von Differenz«11 bezeichnet.
Wenngleich mit den folgenden Beispielen dieses Weder-Noch in ein Sowohl-
als-Auch übersetzt wird, stellen die Implikationen des Begriffs, die den provisori-
schen Charakter dieser semiotischen Bewegungen andeuten, die Grundlage mei-
ner Arbeitshypothese dar, d.h. die Erkundung der im engsten Sinne des Wortes
physischen Verkörperung jener transitorischen Momente, die diesen Konfronta-
tionskurs mit der Wirklichkeit begleiten. Dass die Erwartungen, die sich auf die
Zurschaustellung dieser Unentschiedenheit bezogen, nicht eingelöst wurden, liegt
an zwei grundsätzlichen Faktoren: einerseits an der Evidenz der Figur der Reporte-
rin, die bereits in den ersten Befunden in jener professionellen, fertigen Form auf
die Bühne tritt, wie man sie aus späteren, berühmteren Quellen kennt, anderer-
seits, aber damit zusammenhängend, am eklatanten Mangel an melodramatischer
Tonalität, die wiederum den späteren Varianten der Sozialreportage eigen ist. Ein
relativ großer Teil der Texte ist schlichtweg humorvoll oder in der Wortwahl der
Rezensionen »maliziös« und steht noch sehr deutlich in der satirischen Tradition
der feuilletonistischen Polizeireportagen, wie sie bereits Anfang der 1870er Jahre
in die deutschsprachige Presse Ungarns mit einer Serie von Karl Emil Franzos
unter dem Titel Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elenden
Eingang fand.12
(1999), S. 89-104; s. auch www.c3.hu/scripta/scripta0/replika/35/saly.htm (zuletzt einge-
sehen am 12.8.2015). Zu den belletristischen Werken der Großstadtliteratur vgl. Schwartz,
Agatha: Shifting Voices. Feminist Thought and Women’s Writing in Fin-de-Siècle Austria and
Hungary. Montreal u.a.: McGill-Queen’s University Press 2008.
10 | Lösch, Klaus: Begriff und Phänomen der Transdifferenz: Zur Infragestellung binärer Dif-
ferenzkonstrukte. In: Allolio-Näcke, Lars/Kalscheuer, Britta/Manzeschke, Arne (Hg.): Diffe-
renzen anders denken. Bausteine zu einer Kulturtheorie der Transdifferenz. Frankfurt a.M./
New York: Campus 2005, S. 26-49, hier S. 38, 41.
11 | Ebd., S. 43.
12 | Vgl. Franzos, Karl Emil: Pester Licht- und Schattenbilder. Bei den Verworfenen und Elen-
den. In: Ungarischer Lloyd v. 19.12.1872−23.2.1873. Vgl. Kerekes, Amália/Plener, Peter:
Licht-, Schatten- und Zukunftsbilder von 1873. Porträts und Entwürfe aus Wien und Pest. In:
Müller-Funk, Wolfgang/Reber, Usha/Ruthner, Clemens (Hg.): Zentren und Peripherien in der
Kultur Österreich-Ungarns. Tübingen, Basel: Francke 2006, S. 159-175.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur