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Amália
Kerekes348
ein positives, kommerzfreies Bekenntnis zur Tagesschriftstellerei zu erkennen
und die mehrheitlich günstige Resonanz der Bände anders denn als Selbstlob der
Zunft auszulegen. Mit einiger Sicherheit lässt sich lediglich die Aussage riskieren,
dass die Etablierung der Textsorte in diesem Format – und die Beispiele männ-
licher Provenienz sind auch nicht sonderlich zahlreich – jene Ansätze verstärken
soll, die die eingangs erwähnte problematische Unsichtbarkeit der journalistischen
Individualität nun als alternativen, aus der Logik der Presse folgenden Diskurs ein-
richten wollen.
Den vier Autorinnen ist es nämlich gemeinsam, dass sie mit unterschiedlich
tief elaborierten Argumenten zur Frauenbewegung auf Distanz gehen beziehungs-
weise mehr oder weniger explizit auch auf die Gattung der Reportage reflektieren.
Das früheste Beispiel, Margit Fried (1881–1940), die unter dem die Problematik der
Autorschaft plakativ herausstellenden Pseudonym Ego17 in mehreren liberalen Zei-
tungen publizierte, eröffnet ihren Sammelband mit dem Titel Pest és pestiek (Pest
und die Bewohner von Pest) von 1907 mit den folgenden einfachen, elliptischen Sät-
zen:
Was tun, diese unglückselige Dobstraße ist eine interessante Straße … Sie ist auch nicht so
schmutzig. Die Rue Richelieu in Paris ist auch nicht sauberer. Aber bunt ist sie. Lärmvoll. Auf-
richtig. Wenn wir sie abgehen, hören wir, wie das Leben in ihr pulsiert. Das Leben, das recht
temperamentvoll, einigermaßen verbittert und nach Möglichkeit gut gelaunt ist. Es steckt
viel Selbstpersiflage in ihr. […] Sich an dem Elend zu ergötzen – dies ist auch so ein schau-
derhafter vornehmer Beruf. Und modisch …18
Wenngleich es ihr und den vergleichbaren männlichen Unternehmungen zum
Vorwurf gemacht wurde, mehr Interesse für die Straße als für ihre Bewohnerin-
nen und Bewohner aufzubringen und somit einer auf Kuriositäten zugespitzten
Folkloristik verhaftet zu bleiben,19 kann man in den Reportagen von Ego jene Mo-
mente der Unentschiedenheit, gar Ohnmacht erkennen, die sehr deutlich die Un-
legten Kriterien der Reportage entsprechende Artikel, sie sind mehrheitlich moralisierende,
allgemein gehaltene Annäherungen an die Frauenfrage. Zur Belletristik der als »vorsichtige
Feministin« apostrophierten Lux mit einigen Hinweisen auf ihre Publizistik vgl. Sánta, Gábor:
»A bukott egzisztenciák ígéretföldje«. Lux Terka Budapestje [»Das Gelobte Land der geschei-
terten Existenzen«. Das Budapest der Terka Lux]. In: ders.: »Minden nemzetnek van egy szent
városa«. Fejezetek a dualizmus korának Budapest-irodalmából. Budapest: Pro Pannonia
2001, S. 167-197; Kádár, Judit: Engedelmes lázadók. Magyar írónők és nőideál-konstrukciók
a 20. század első felében [Gehorsame Rebellen. Ungarische Schriftstellerinnen und Frauen-
idealkonstruktionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts]. Pécs: Jelenkor 2014, S. 41-
55.
17 | Zur Pseudonymität um 1900 vgl. Dede, Franciska: »Szerzők a lámpa előtt«. A Hét és
az Új Idők szerzői 1895−1900 [»Autoren vor der Lampe«. Die Autoren von A Hét und Új Idők
1895–1900]. In: Irodalomtörténet 4-5 (2005), S. 287-312, hier S. 301-303; s. auch http://
itk.iti.mta.hu/megjelent/2005-23/dede.pdf (zuletzt eingesehen am 12.8.2015).
18 | Ego: Pest és pestiek. Budapest: Magyar Kereskedelmi Közlöny 1907, S. 3.
19 | Vgl. Konrád, Miklós: Orfeum és zsidó identitás Budapesten a századfordulón [Orpheum
und jüdische Identität im Budapest der Jahrhundertwende]. In: Budapesti Negyed 2 (2008),
S. 351-368; s. auch www.academia.edu/2711236/Orfeum_%C3%A9s_zsid%C3%B3_id
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur