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Amália
Kerekes354
Uebelstände gelenkt«46 werden konnte. Dass dabei von der dem Elend tatenlos zu-
schauenden Polizei bis hin zu den im Luxus schwelgenden Feministinnen alle
Faktoren ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, stellt nicht das eigentliche Novum der
Reportagen dar: Kovács weist selbst darauf hin, dass etwa dem Problem der Kinder-
sterblichkeit in den Zeitungen bereits erhöhte Aufmerksamkeit zukommt.47 Was
sie »gelegentlich etwas pathetisch, aber selten sentimental«48 zeigen will, ist viel-
mehr – im Gegensatz zu József Halmis zeitgleich erschienenem und dem investi-
gativen Journalismus verpflichtetem Reportageband über das endgültig verrottete
System der »Pester Front«49 – das Bewusstsein und die Selbstbewusstheit der Men-
schen an der sozialen Peripherie, mit Beispielen für den Überlebenswillen und die
Selbstermächtigung im Wechselspiel der eigenen Sprachlosigkeit und der Sprach-
mächtigkeit der Akteure und Akteurinnen, wobei sie an einigen Fällen, v.a. an der
Frauenarbeit, auch die ausgleichende Gerechtigkeit der Kriegslage demonstriert.
Diese Form der Rückgewinnung der Handlungsmacht des Journalismus steht,
auch wenn sie in Kovács’ Reportagen nur streckenweise im Zusammenhang mit
der Unhaltbarkeit des Systems zur Sprache gebracht wird und die fehlende Radika-
lität der Reportagen generell auf eine schwache situative Identität schließen lässt,
am Ende eines journalistischen Selbstverständnisses, das versucht, in Alternati-
ven zu denken, aber dem gegebenen System verhaftet bleibt und die Möglichkeiten
einer Transdifferenz nur insofern erschöpft, als es die transitorischen Momente
genauso ernst nimmt, wie es der Transdifferenz gebührt: flüchtig und beiläufig,
um sie in einem nächsten und letzten Schritt in einem in ihrer Widerspenstigkeit
nicht weiter interessanten physischen, materiellen Zustand zu belassen oder sie als
pure Differenz vor Augen zu stellen.
liTeraTur
Antal, Gézáné: Túl a palotákon. Pesti riportok [Jenseits der Paläste. Pester Reporta-
gen]. Budapest: Dick 1913; s. auch http://mtdaportal.extra.hu/books/antal_geza
ne_tul_a_palotakon.pdf.
Bánki, Éva: »Megszámlálhatatlan szál húzódik át a történéseken«. Történelmi
fordulat és prózapoétika Kosztolányi Dezső Édes Annájában és Tormay Cécile
Bujdosó könyvében [»Unzählige Fäden durchziehen die Geschehnisse«. His-
torische Wende und Prosapoetik in Dezső Kosztolányis Anna Édes und Cécile
Tormays Buch der Flüchtigen]. In: Múltunk 3 (2010), S. 132-148; s. auch http://
epa.oszk.hu/00900/00995/00023/pdf/bankie10-3.pdf.
Barta, Lajos: Tul a palotákon [Jenseits der Paläste]. In: Világ v. 15.6.1913, S. 4.
Buzinkay, Géza: A bűnügy és az újságíró: a riporter születése [Der Kriminalfall
und der Journalist: die Geburt des Reporters]. In: ders. (Hg.): A magyar újságíró
múltja és jelene. Eger: Eszterházy Károly Főiskola 2006, S.
33-41; s. auch http://
46 | NN: Lydia Kovács. In: Pester Lloyd v. 2.12.1918, S. 6.
47 | Kovács, Lydia: Két esztendő. Képek a pesti frontról [Zwei Jahre. Bilder von der Pester
Front]. Budapest: Pallas 1916, S. 72.
48 | H. A.: Kovács Lydia: Két esztendő [Zwei Jahre]. In: Népszava v. 14.1.1917, S. 8.
49 | Halmi, József: A pesti front [Die Pester Front]. Budapest: Galantai 1916.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur