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›Zu Nixe‹ werden
Faszination der Donau in Werken von Marie Eugenie delle Grazie
Edit Király
Im Wasser sein heißt »Nirgendwo sein«, sagt Ingeborg Bachmanns Undine. Denn
dies ist ein »Element, in dem niemand sich ein Nest baut, sich ein Dach aufzieht
über Balken, sich bedeckt mit einer Plane«.1 Ist das Wasser kein Ort im herkömm-
lichen Sinne, so sind darin – als Wasserwesen – jedenfalls seit der Romantik vor-
dringlich Frauen beheimatet. Als Undinen und Melusinen verkörpern sie den
Mythos vom Naturwesen Frau und sind als solche, sagt Inge Stephan in ihrer
Studie Weiblichkeit, Wasser und Tod, »Wunsch- und Schreckbild[er] einer elemen-
taren Weiblichkeit«.2 Erst allmählich werden Wasserwesen im Laufe des 19. Jahr-
hunderts auch Identifikationsfiguren für Frauen oder wie im Falle von Andersens
Märchen Die kleine Meerjungfrau für schwer einzuordnende Genderidentitäten. Sie
sind Zwitterwesen, die außerhalb der symbolischen Ordnung stehen.
Auch in Marie Eugenie delle Grazies Werk ist das Wasser ein ›Ort‹ für Frau-
en. In einigen ihrer Werken begegnet dem Leser oder der Leserin die Verbindung
von Wasser und Frau auch in der Zusammensetzung »Wasserfrau«. Doch ist diese
nicht mehr das verlockende Weib der romantischen Literatur, ihre Sinnlichkeit be-
tört nicht einmal mehr als Zauberstimme, sie lockt keine Männer an, sondern ver-
waltet Frauenschicksale. In einer merkwürdigen Verschiebung des romantischen
Motivs wird sie zu jener letzten Instanz, zu der sich Frauen vor den Schrecken
einer patriarchalen Ordnung retten können. Das Motiv der Wasserfrau wird in del-
le Grazies Geschichten immer wieder uminterpretiert, Hans Blumenberg würde
sagen: umgebaut – auf offener See.3
1 | Bachmann, Ingeborg: Undine geht. In: dies.: Das dreißigste Jahr. Erzählungen. München:
dtv 1966, S. 170-179, hier S. 171.
2 | Stephan, Inge: Weiblichkeit, Wasser und Tod. Undinen, Melusinen und Wasserfrauen bei
Eichendorff und Fouqué. In: dies.: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in
der Literatur des 18. Jahrhunderts. Wien: Böhlau 2004, S. 207-230, hier S. 220.
3 | Vgl. Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher.
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979. Für den Hinweis danke ich Christoph Leitgeb.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur