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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Edit Király388 Vater einem alten venezianischen Geschlecht abstammt, ihre Mutter hingegen ba- naterdeutscher Herkunft ist. Es ist Herr Gritti, Nellys Vater, der am Anfang des Romans die Spuren der Eroberer in der Landschaft mit Nellys Gesichtszügen zu- sammenliest. Seine Bestandsaufnahme gilt dem schriftlichen Erbe: der Trajans- tafel auf der einen und dem Nibelungenlied auf der anderen Seite. Steht Erstere für Rom, so verweist Letzteres auf Germania.13 Letztendlich ist aber in Herrn Grittis landschaftlichem Rundblick Nelly diejenige, in der die kriegerischen Gegensätze vergangener Zeiten immer noch gegenwärtig sind. So etwa heißt es von dem deut- schen Großvater des Kindes, dass er »das Blut derselben Sachsen in seinen Adern gehabt, die Roms Legionen aufs Haupt geschlagen«.14 Statt fließenden Übergängen präfiguriert hier die Donau als Grenzlandschaft Bedeutungen, die auf Diskontinuität gegründet sind. Sie modelliert jenes Drama, das auch in Nellys Gesicht als der Widerspruch von grundverschiedenen Charak- terzügen zum Ausdruck kommt. Die Frage, welchem Volk wohl die »Seele des Kin- des« angehöre, wird unmittelbar an die Landschaftsbeschreibung rückgekoppelt: »zweier Völker Kampf an fernen Gestaden – hier sah es ihn an aus den Augen des eigenen Kindes!«,15 heißt es in Herrn Grittis Gedanken, in denen die Physiogno- mie des Kindes als eine Allegorie des Völkerkampfes erscheint. Der italienische Vater und die deutsche Mutter werden in der Folge für Ahnen haftbar gemacht, die miteinander in Urzeiten schon gehadert haben. In der Spiegelung einer geografischen (im linken und rechten Ufer), einer eth- nischen (im Gegensatz des Nordischen und des Südländischen) und einer physio- gnomischen Antinomie (»blond« versus »dunkel«) wird die Donau zu einer Land- schaft, in der die Widersprüche von Nellys Herkunft sichtbar gemacht und deren gegensätzliche Anliegen ausgehandelt werden. Zugleich ist sie aber auch der Ort, an dem soziale Unterschiede hinfällig werden, ein Ort jenseits aller Unterschiede. Was Unsicherheit schafft, sind nicht die Gegensätze, die in der Landschaft codiert sind, sondern die gegensätzliche Codierung der Landschaft: Ist die Donau im Ro- man eine agonale Linie, entlang derer sich ihre wichtigsten Gegensätze auftun und verhandelt werden, oder ist es jene Randzone, in der diese ihre Bedeutung verlieren? Im Donaukind gibt es Ansätze für beides. Auf jeden Fall könnte den Vo- rausdeutungen des Romans zufolge Nelly auf ihrer späteren Laufbahn diejenige werden, die dem Charakter dieser Landschaft authentisch Ausdruck zu verleihen vermag. 13 | »Man brauchte kein Fernglas, um die in die Uferfelsen gemeißelten Riesenlettern zu sehen, die in granitenen Tafeln hier den berühmten Donau-Übergang des Trajan verewigten – zwei gute Augen taten es auch.« Ebd., S. 6. Auch das Nibelungenlied, dessen Helden nie in die Gegend der unteren Donau kamen, wird in einem Anflug von geografischer Großtuerei herbeizitiert: »Mit den ›Nibelungen‹ greift der Rhein bis zur Donau hinauf, und sie trägt die ältesten Sagen des Abendlandes wieder dem nahen Orient entgegen.« Ebd., S. 29. 14 | Ebd., S. 9. 15 | Ebd., S. 8.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Title
Transdifferenz und Transkulturalität
Subtitle
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Authors
Alexandra Millner
Katalin Teller
Publisher
transcript Verlag
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Size
15.4 x 23.9 cm
Pages
454
Keywords
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Category
Kunst und Kultur
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