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›Zu Nixe‹ werden 389
2. Donaunixe
Das Motiv der Nixe stand in delle Grazies Werk nicht voraussetzungslos da. Eine
ähnliche Verbindung vom Sagenmotiv und einer in der Gegenwart der Jahrhun-
dertwende situierten Handlung dient schon als Kern der kurzen Erzählung Donau-
nixe,16 die 1914 im Band Das Buch des Lebens veröffentlicht wurde. Doch fungiert
die Nixe hier nicht als Element einer künstlerischen Biografie, sondern verkörpert
das mythische Korrelat eines alltäglichen (und daher auch allgemeinen) Frauen-
schicksals.
Am Anfang der Erzählung stehen zunächst zwei Schiffe und ihre bevorstehen-
de Fahrt donauauf- beziehungsweise -abwärts im Fokus, doch diese werden bald
als zwei Lebensmöglichkeiten erkennbar. Das eine fährt in die »sagenumsponnene
Wachau«, das andere nach Orsowa/Orșova/Rušava/Oršava und gehört »dem Werk-
tag« an.17 Zwar unternehmen die junge Frau und ihr Gatte gerade eine Hochzeits-
reise donauabwärts, aber selbst diese wird hier von »Geschäften« bestimmt, die
den Frischvermählten in Gegenden der unteren Donau rufen. »Sie hätte sich ein
anderes Ziel gewußt, als Südungarn und Rumänien. Aber er hatte Geschäfte dort
unten.«18 Während das donauaufwärts fahrende Schiff eine »lustige Menschen-
fracht an Bord«19 hat, ist die Stimmung auf dem anderen entschieden bedrückt.
Der Gegensatz spitzt sich schließlich in den beiden Männergestalten auf den Schif-
fen zu: der »Wachauer«, »blond, tannenschlank«,20 der in Geschäften in die unte-
re Donaugegenden fahrende Ehemann hingegen »breit« und nach der geringsten
physischen Anstrengung »schweißglänzend«21 und keuchend. Sie verkörpern ein
Ideal und sein Zerrbild, deren Opposition detailliert entfaltet wird.22 Durch die
Instrumente, die die beiden Reisen begleiten, erfährt die Dichotomie auch eine
musikalische Untermalung: Mandoline und ein »jugendseliges Lied«23 verstärken
die oft betonte Fröhlichkeit der Bergfahrt, während die Fahrt donauabwärts durch
die in Budapest einsteigende Zigeunerkapelle eine entsprechend herzzerreißende
und ›billige‹ musikalische Begleitung erhält: »Nun ist es wie ein Geschluchz, tod-
traurig, hoffnungslos.«24
Der Schiffsfahrt in eine erdrückend seelenlose Versorgungsehe wird durch den
Sprung ins Wasser ein Ende gesetzt, die junge Braut gibt »[w]ie in einem Traum
[…] sich hin …«25 Obwohl die junge Frau hierbei einer plötzlichen Eingebung folgt,
ist der Todessprung keineswegs unerwartet, sondern bringt nur eine an mehre-
ren Stellen der Fahrt eingeblendete Vorgeschichte zum Abschluss. Erstens beendet
16 | Delle Grazie, Marie Eugenie: Donaunixe [1914]. In: dies.: Mondscheinsonate. Erzählun-
gen. E-Book Bibliothek 2004, S. 20-33.
17 | Ebd., S. 20.
18 | Ebd., S. 22.
19 | Ebd., S. 20.
20 | Ebd., S. 21, 22.
21 | Eine körperliche Eigentümlichkeit, die durch sein ständiges Essen und Trinken begrün-
det und unterstrichen wird.
22 | Ebd., S. 27.
23 | Ebd., S. 20.
24 | Ebd., S. 31.
25 | Ebd., S. 33.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur