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Király390
er eine Liebesromanze, die an der Nüchternheit der Eltern gescheitert ist. Dieses
Scheitern wird als der Unterschied von Zahlen und Worten festgehalten: Als der
Freier nach seinen finanziellen Verhältnissen gefragt wird, sitzt er vor dem leeren
Papier mit Bleistift, und da er unmöglich Einnahmen draufschreiben kann, sagt er
statt Zahlen Worte, die aber der Vater als »lauter Wechsel«26 bezeichnet, die noch
einzulösen wären. Der junge Mann und die vereitelte Liebe zu ihm werden moti-
visch mit jenem anderen Schiff und den darauf fahrenden fröhlichen Studenten
verknüpft, die die Bergfahrt unternehmen.
Zweitens vollendet der Todessprung einen Traum, den auch hier einst die Mut-
ter der Braut während einer Schifffahrt hatte und der mit jenem im Donaukind
beinahe wortwörtlich identisch ist. Auch in dieser Erzählung nickte die werden-
de junge Mutter einst vor der Geburt der Tochter an der Reeling stehend ein und
träumte, dass sie ins Wasser sprang, wo ihr eine Nixe ein »Mäderl« ans Herz legte
mit den Worten: »ich hol’ mir’s wieder«.27 Der Traum definiert auch hier die zent-
rale Figur der Erzählung, die Tochter, als ein Geschöpf des Wassers, nur wird hier
die Prophezeiung der Nixe buchstäblich eingelöst: Die Tochter kehrt, als sie sich in
die Fluten stürzt, in ihr Element, in die weißen Arme ihrer ›Mutter‹ zurück.
Die Struktur der Wiederkehr betont die immer gleiche Mechanik des Frauen-
schicksals und nicht ihre subversiven Möglichkeiten. Die junge Frau erkennt wäh-
rend ihrer Brautfahrt, dass sie eben jene Fahrt macht, welche einst ihre damals
noch junge Mutter unternommen hat. »Und noch etwas weiß sie plötzlich, fühlt
es, wie man nur Selbsterlebtes nachempfinden kann: auch ihre Mutter ist einmal
so über diesen Strom dahingefahren, tiefunglücklich wie sie. An der Seite eines
Mannes, den sie ohne Liebe genommen.«28 Doch das Wissen ermöglicht es ihr kei-
neswegs, den Dilemmata dieses Weges, der in der Erzählung als für Frauen typisch
gezeichnet wird, zu entgehen; es bleibt nur, diesen radikaler zu Ende zu bringen.
Die Nixe, die Bootsfahrt als Aufbruch und Lebensweg sind bewährte Schlag-
wörter eines romantischen Zettelkatalogs, doch erinnert delle Grazies Verwendung
dieser Topoi eher an Lösungen der Trivialliteratur. Denn es geht ihr mehr um Ver-
deutlichung als um Verunsicherung. Jeder Gegensatz wird hier durch eine Reihe
von weiteren semantischen Dichotomien ergänzt.29 Die Jugend auf dem flussauf-
wärts fahrenden Schiff ist an etlichen äußeren Anzeichen (wie Zervis, die bunten
Käppchen) sowie durch die Metaphorik (wie ein Minnesänger aus der Zeit der Ba-
benberger) oder als eine Gruppe von Verbindungsstudenten (»wie auf einen Wink
stand all die Jugend plötzlich um einen Führer geschart«30) zu erkennen. Es sind
ihre bunt verzierten Kappen, die das Schiff so lustig erscheinen lassen, wie sie sich
»jugendselig« auf die Fahrt in die Wachau und auf die Suche nach den Spuren der
Nibelungen machen. Der junge Mann, der gewissermaßen als eine rückwärtsge-
wandte Galionsfigur am Bug des Schiffes sitzt und blondlockig und tannenschlank
seine Mandoline anschlägt – durch eine weitere historische Anspielung sogar mit
26 | Ebd., S. 26.
27 | Ebd., S. 28.
28 | Ebd., S. 29.
29 | Leider werden auch einmal gefundene Attribute von ihr nach Kräften immer wieder ein-
gesetzt, der Glanz etwa um das Donau aufwärts fahrende Schiff ist immer flirrend und die
Männergestalt auf dem Schiff auch immer (selbst im Sitzen!) tannenschlank.
30 | Ebd., S. 20.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur