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›Zu Nixe‹ werden 393
einer Gesamtausgabe (Sämtliche Werke) auch relativ früh kanonisiert. Doch sind
etliche Bände dieser Gesamtausgabe heute nicht einmal in der Österreichischen
Nationalbibliothek zu finden. Das Interesse an ihrer Figur ist freilich nur teilweise
ihrem (zumindest mengenmäßig) äußerst produktiven literarischen Schaffen zu
verdanken. Sie wurde und wird immer wieder von Germanisten und Germanis-
tinnen entdeckt und v.a. unter weltanschaulichen oder auch regionalen Aspekten
untersucht: in Bezug auf Rudolf Steiner,36 als zeitweise Anhängerin der Lehren von
Charles Darwin und insbesondere der Lehren des Darwinianers Ernst Haeckel,37
als Vertreterin banaterdeutscher Literatur38 oder auch als eine Autorin, deren Texte
bemerkenswerte ethnische Codierungen aufweisen.39 Diese einander teils völlig
widersprechenden Wahrnehmungen ihres Werkes und ihrer Person – als Freiden-
kerin, Feministin, Darwinistin und nach ihrer Konversion im Jahre 1912 als ka-
tholische Schriftstellerin – sind nicht zuletzt wohl auch auf delle Grazies vielfach
einsetzbares literarisches Material zurückzuführen. Auch das Nixenmotiv in ihren
Erzähltexten ist nicht frei von klischeehaften Merkmalen, doch belegt sie sehr gut,
wie illusionslos delle Grazie die Situation selbstständiger Frauen einschätzte.
Die Untersuchung der von mir behandelten Texte und des Motivs der Donau-
nixe kann als Ausgangspunkt dienen, das Selbstverständnis einer Autorin der Jahr-
hundertwende zu erkunden und diese mit ihren Strategien zusammenzulesen,
sich im literarischen Feld der Zeit Positionen zu erobern und diese zu behaupten.
Ein solches ›Zusammenlesen‹ wäre allein schon durch die Position, die sie in dem
Kreis um den Theologen und Philosophen (und zeitweiligen Rektor der Wiener
Universität) Laurenz Müllner einnahm, angebracht oder zumindest interessant.
liTeraTur
Bachmann, Ingeborg: Undine geht. In: dies.: Das dreißigste Jahr. Erzählungen.
München: dtv 1966, S. 170-179.
Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmeta-
pher. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979.
Delle Grazie, Marie Eugenie: Donaukind. Berlin: Ullstein 1918; s. auch https://
archive.org/details/donaukind00grazgoog.
Delle Grazie, Marie Eugenie: Eines Lebens Sterne. Leipzig: Breitkopf und Härtel
1919.
36 | Vgl. Wengraf, Alice: Marie Eugenie delle Grazie. Versuch einer geistgemäßen biographi-
schen Skizze. O.O. [1932], p. 106f.
37 | Vgl. Michler, Werner: Darwinismus und Literatur. Naturwissenschaftliche und literari-
sche Intelligenz in Österreich, 1859−1914. Wien: Böhlau 1999, S. 396-447.
38 | Vgl. delle Grazie, Marie Eugenie: Die kleine weiße Stadt und andere Kurzgeschichten
aus der Banater Heimat. Hg. v. Alfred Kuhn. Salzburg: Weißkirchner Ortsgemeinschaft 1977.
39 | Vgl. Millner, Alexandra: Konkrete Räume – soziale Konstruktionen. Zur literarischen
Gestaltung von Raum, Ethnie und Gender am Beispiel von Marie Eugenie delle Grazies Er-
zählung Die Zigeunerin (1885). In: Fischer, Wladimir u.a. (Hg.): Räume und Grenzen in Öster-
reich-Ungarn 1867−1918. Kulturwissenschaftliche Annäherungen. Tübingen: Francke 2010,
S. 195-226.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur