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Hans Richard
Brittnacher398
auszubringen, machte Saiko vielleicht Philatelisten oder Philatelistinnen bekannt,
neue Leser oder Leserinnen brachte sie ihm keine.
Saiko, nach Auskunft von Zeitgenossen ein Melancholiker von Format, legte
wenig Wert auf Freundschaft mit seiner österreichischen Heimat. Ungeniert be-
zeichnete er sich als »Muß-Österreicher und Wahl-Engländer«4 – daher das seinem
Vornamen angehängte »-e« –, von Österreich sprach er als »dieser katholischen
Türkei«5 und hielt auch sonst wenig von seiner Heimat: »Die Österreicher sind ein
kleines Volk, aber eine große Bagage«,6 banausisch seien sie zudem, denn »was
man anderswo (in Frankreich, in England) Literatur nenne, existiert in Österreich
gar nicht«.7 Den ausbleibenden Erfolg seiner Werke beklagte er, verwundert war
er nicht: Seine Romane waren unbequem in einer Zeit, die Vergessen oder Ver-
klärung der Vergangenheit auf die literarische Agenda gesetzt hatte. Saiko fasste
es kurz und bündig mit österreichischem Selbsthass zusammen: »Schriftsteller
zu sein, ist ein Schicksal. Österreichischer Schriftsteller zu sein, ist ein Malheur.«8
Dabei teilt Saiko mit vielen Romanciers seiner Generation das große Thema
vom Untergang der mitteleuropäischen Welt. Aber während Alexander Lernet-Ho-
lenia in Die Standarte (1934) oder Heimito von Doderer in Die Strudlhofstiege (1951)
doch auch mit Wehmut von der ›Welt von gestern‹ sprechen, während Joseph Roth
in Radetzkymarsch (1932) der Monarchie ein nostalgisches, wenn auch von bitterer
Ironie nicht freies Kaddisch singt, betreibt George Saiko eine gnadenlose Autopsie
dieser Welt, eine Vivisektion an einem gegen alle historische Wahrscheinlichkeit
immer noch atmenden Organismus. Das alles tut er ohne jede Nostalgie, sogar
ohne Anteilnahme, dafür aber mit unheimlicher Präzision und einer erbarmungs-
losen Gründlichkeit, die keine emotionalen Skrupel kennt. Vielleicht ist es dieses
so ostentative Desinteresse an einem Identifikationen suchenden Leser, das Saiko
zu Lebzeiten und auch noch postum den Erfolg verwehrt hat.9 An der Behaglich-
keit »epischer Naivität«, wie Theodor W. Adorno dies nannte,10 ist Saiko gänzlich
desinteressiert.
Schauplatz seines Romans Auf dem Floß ist das Gut des Fürsten Alexander von
Fenckh in der Zeit der Ersten Republik – auch wenn sich kaum dezidierte An-
spielungen auf das zeitgenössische Österreich finden, lässt sich doch aus den
Äußerungen des exilierten russischen Aristokraten Eugen, der von den 20 Jahre
zurückliegenden Ereignissen der Russischen Revolution traumatisiert wurde, auf
einen Handlungszeitraum Ende der 1930er Jahre schließen. In einer doppelten
4 | Zit. n. Klier, Walter: Unter den Großen der Unbekannteste. Über den österreichischen
Romancier George Saiko. In: Merkur 8 (1999), S. 742-748, hier S. 744.
5 | Zit. n. NN: Zerfall im Modell. In: Der Spiegel v. 17.6.1970, S. 106-107, hier S. 107, www.
spiegel.de/spiegel/print/d-44905058.html (zuletzt eingesehen am 8.8.2015).
6 | Zit. n. ebd.
7 | Zit. n. ebd.
8 | Zit. n. Haslinger, Adolf: Nachwort. In: Saiko, George: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Bd.
1: Auf dem Floß. Salzburg/Wien: Residenz 1987, S. 615-623, hier S. 622.
9 | Vgl. Schmidt-Dengler, Wendelin: George Saiko. Die Kunst des Filigranen und die Krise
des Erzählens. In: Hansel/Kastberger (Hg.): George Saiko, S. 201-210, hier S. 203.
10 | Vgl. Adorno, Theodor W.: Über epische Naivetät. In: ders.: Noten zur Literatur. Gesam-
melte Schriften. Bd. 11. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1974, S. 34-40.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur