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Der tote Fetisch 399
Projektion also erzählt der 1948 fertiggestellte Roman von der Zeit nach 1918, in der
jedoch immer noch anachronistisch die Lebenswelt der (allmählich erodierenden)
Donaumonarchie des Vorkriegseuropas lebendig ist. An die Stelle der bekannten
nostalgischen Beschwörungen tritt hier eine eigentümlich historisch verspiegelte,
psychosoziologische Autopsie des Untergangs. Denn so, wie es dem Roman ge-
lingt, Gegenwärtiges, Vergangenes und Vorvergangenes ineinander zu spiegeln,
so bringt er vor diesem schillernden historischen Kaleidoskop auch ein bizarres
seelisches und soziales Psychodrama zur Anschauung, in dem bewährte kulturelle
Ordnungsmuster durchgespielt und grausam subvertiert werden.
In der Zeit der Ersten Republik also lebt der Fürst Alexander von Fenckh so wie
seinerzeit der Fürst Chojnicki bei Joseph Roth in unermesslichem Reichtum, als
habe es den Krieg und den Untergang der Monarchie nicht gegeben. Allerdings
befindet sich sein Gut jetzt im Osten des Landes, also dort, wo einst das Zentrum
des Habsburgerreiches war: Aus dem Herzen der mitteleuropäischen Welt ist es an
ihre Peripherie gerückt, und hier starren die Protagonistinnen und Protagonisten,
wie Saiko selbst es in einem Begleittext zu seinem Roman formuliert, »in das be-
ginnende Herbsteln hinaus […], das für ihr gelebtes Leben zum Gleichnis wird«.11
In dieser Situation wurzelt auch der metaphorische Ursprung des Romantitels:
Die Protagonistinnen und Protagonisten leben »auf dem Floß, das ins Ungewisse
trieb«,12 steuerlos nach dem Schiffbruch, dem Zusammenbruch ihrer Welt. Ein
Floß, nämlich jenes der Medusa, hat schon einmal dem Untergang als Menetekel
gedient, auf dem die Überlebenden in kannibalischer Agonie verendeten.13 Auch
das Floß in Saikos Roman wird getrieben von archaischen Ängsten und vorbewuss-
ten Instinkten, in deren Bann die Akteure und Akteurinnen des Romans stehen
und nicht wissen, was sie tun. Die dunklen Antriebskräfte, die sie bewegen, zu ent-
blößen, sieht Saiko als die Aufgabe seines Erzählverfahrens an, das er »magischen
Realismus« nennt,14 einen Realismus mithin, der vom Zauber des unbegriffenen
Bösen lebt.
Alexander von Fenckh regiert als Fideikommissherr, nachdem sein erstgebore-
ner Bruder Niko auf sein Majorat verzichtet und eine Kirchenlaufbahn eingeschla-
gen hat, in der er es zum einflussreichen Bischof bringt. Dass so ausdrücklich von
dem Fideikommiss die Rede ist, also von einer jede Veräußerung und Teilung aus-
schließenden Form der Erbschaftsregelung, die das gesamte Vermögen – in einer
11 | Zit. n. Haslinger, Adolf: Nachwort. In: Saiko: Sämtliche Werke. Bd. 1, S. 615-623, hier
S. 618.
12 | Saiko, George: Auf dem Floß. Zürich/Köln: Benziger 1970, S. 550. Nach dieser Ausgabe
wird im Text parenthetisch zitiert.
13 | Vgl. Nenning, Günter: George Saiko: Das unbegreiflich Böse. In: ders.: Kostbarkeiten
österreichischer Literatur. 111 Porträts in Rot-Weiß-Rot. Wien: Ueberreuter 2003, S. 272-
274, insbesondere S. 274. Das Floß der Medusa ist spätestens seit Géricaults Monumen-
talgemälde immer wieder als Menetekel des Untergangs diskutiert worden. Vgl. den kennt-
nisreich aus kultur- und kunstwissenschaftlicher Perspektive kommentierten Bericht der
Überlebenden J.-B. Henry Savigny und Alexandre Corréard: Schiffbruch der Fregatte Medu-
sa. Ein dokumentarischer Bericht aus dem Jahr 1818. Berlin: Matthes & Seitz 2010.
14 | Zum Begriff, seiner Reichweite und seinen Implikationen vgl. Krappmann, Jörg: Magi-
scher Realismus. In: Brittnacher, Hans Richard/May, Markus (Hg.): Phantastik. Ein interdis-
ziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler 2013, S. 529-537.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur