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Hans Richard
Brittnacher400
Hand konzentriert – auf alle Zeiten erhalten soll, verweist auf den von den Protago-
nistinnen und Protagonisten prätendierten Ewigkeitsanspruch dieser Lebensform,
die so tut, als habe es den »Zusammenbruch« (S. 562), das Ende der patriarchali-
schen und feudalen Welt, nicht gegeben. Nur gelegentlich artikulieren die Aristo-
kraten des Romans die Einsicht in den Anachronismus ihrer Existenz: »Und mir
ist also übriggeblieben«, so der Fürst im selbstmitleidigen Gespräch mit seinem
kühlen Bruder, »ein kleines Plateau zu retten, um darauf achtzehntes Jahrhundert
zu spielen! Übrigens wie lange noch? – Wir sind die Letzten. Ein paar Jahre und
–« (S.
381). Konsequenzen folgen aus dieser Einsicht nicht. Im Gegenteil: Der Fürst
bleibt der typische Repräsentant dieser Lebensform, er, der allgemein, so erfahren
wir zu Beginn des Romans, »auch jetzt noch allgemein der regierende hieß, weil
ihm meilenweit die Erde gehörte« (S. 7).
Lediglich an der Unentschlossenheit des Helden, einem gewissen aristokrati-
schen Ressentiment gegen die Vulgarität der Aktion, die von der Sprache des Ro-
mans mimetisch abgebildet wird, lässt sich ein Vorbehalt des Erzählers gegen die
feudale Apathie erkennen. Saiko ist ein Physiognomiker der Körpersprache – er
dichtet wie vor ihm wohl nur Kleist in Gebärden, aber wo es bei diesem körper-
sprachliche Reaktionen waren, die sich von selbst verstanden, unterstellt Saiko die
Gebärden der Deutung des Gegenübers: Immerzu beobachten sich Saikos Protago-
nistinnen und Protagonisten bei dem, was sie sagen, und verfolgen in unablässigen
Reflexionsschleifen die Abgründe einer körpersprachlichen Semantik – ob etwa das
Vertiefen einer Falte auf der Stirn dies oder jenes oder etwas ganz anderes bedeutet,
dessen man sich nicht sicher sein könne. Bei dem scharf beobachtenden und nur
unwillig aktiv werdenden Alexander von Fenckh handelt es sich um den aus der
Literatur wohlbekannten Typus des widerspenstigen Erben, einen nervösen und
hypersensiblen décadent, eher dem Bizarren als dem Schönen zugeneigt.15 Seinen
Herrschaftsanspruch demonstriert er nicht nur in seiner lässigen Verfügung über
die Dienerschaft, sondern auch mit seiner Jagdleidenschaft, die vielleicht nicht zu-
fällig an den diesbezüglich unersättlichen Erzherzog Franz Ferdinand erinnert.16
Die Jagderfolge Alexanders beweisen zahlreiche Trophäen, »die vielen Gehörne, so
sonderbar gewunden, daß niemand es für möglich halten würde« (S. 13), der wun-
dervolle mächtige Schnabel eines Tukan, Alligatorenhäute und ein gewaltiger, in
einem monströsen Glaskasten ausgestellter Wisent, den der Vater des Fürsten einst
im Urwald von Bialawiecza (i.e. Białowieża) geschossen hatte und der als imposan-
ter vormoderner Wächter die Eingangshalle beherrscht. Wie der musealisierende
Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine Verfügung über die Welt,
auch jene in der Ferne, durch den Besitz seiner exotischen Requisiten demonst-
rierte, deren Auswahl Rückschlüsse auf die Mentalität des Sammlers erlaubte, sind
15 | Hans Wolfschütz bezeichnet ihn in seinem Eintrag im Kritischen Lexikon der Gegen-
wartsliteratur als eine ins Exzentrische gesteigerte Reinkarnation von Hofmannsthals
Schwierigen, dem Kari Bühl. Vgl. KLG, Stand 1.3.2006.
16 | Franz Ferdinand soll 272.511 Tiere, deren Abschuss er akribisch notieren ließ, ge-
schossen haben – einheimische wie Wildschweine und Hasen, aber auch exotische wie Ele-
fanten und Löwen. Auch er dekorierte sein Schloss Konopischt/Konopiště mit Fellen, Gewei-
hen und ausgestopftem Getier. Ein Schießwettbewerb mit Buffalo Bill, der in Wien stattfand,
hat Franz Ferdinand für sich entscheiden können. Vgl. Hannig, Alma: Franz Ferdinand. Die
Biographie. Wien: Amalthea 2013.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur