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Der tote Fetisch 403
wenn er statt neutral vom Volk jovial im Sprachgebrauch der besseren Kreise von
den »Leuten« spricht.19
Selbst dem einfältigen Joschko, dem gewiss das Herr-Knecht-Kapitel aus He-
gels Phänomenologie des Geistes unvertraut ist,20 wird doch im Verlauf des Romans
die Pointe jenes wechselseitigen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisses immer
klarer: Die Beziehung zwischen ihm selbst und dem Fürsten ist einer Symbiose
ähnlicher als einer von Befehl und Gehorsam bestimmten Hierarchie. Der Fürst
erwidert nicht nur Joschkos Anhänglichkeit, er muss sie erwidern, weil sie ihm
lebensnotwendig ist. Die Anerkennung seiner Unentbehrlichkeit für den Herrn
verleiht dem Knecht zuletzt eine gewisse Macht über den, der ihm befiehlt: »Ir-
gendwie nämlich hatte er immer gewußt«, zu dieser Einsicht gelangt Joschko
schließlich, »daß Seine Durchlaucht der Schwächere war, schwächer jedenfalls als
er, Joschko« (S. 304). Gelegentlich, etwa bei der Betrachtung des ausgestopften
Wisents, wird Joschko sogar wie eine Epiphanie ein Wissen zuteil, das ihm freilich
bald wieder abhandenkommen wird: Er »fühlte sich […] seinem Herrn überlegen,
der nicht verstand, daß jegliches Tier der Feind dessen ist, der es zum Tode bringen
will, und daß der Besitz des Leichnams nicht einmal ein halbes Besitzen ist und
wahrscheinlich überhaupt keines« (S. 14).
Joschkos privilegierte Stellung führt innerhalb der Entourage seiner Durch-
laucht zu erheblichen Rivalitäten, insbesondere mit dem arroganten Kammerdiener
Franz, der kein Slovakisch spricht, und dem durchtriebenen Ungarn Imre, der jede
Gelegenheit nützt, um Joschko in der Gunst des Herrn zu diskreditieren und sich
selbst zu empfehlen. In seiner scheuen und hinterlistigen Art erinnert er Joschko
an all seine Vorbehalte gegen die osmanische Bedrohung des Habsburgerreiches.
Eine Urszene dieses Konflikts ist im Garten des Fürsten als Reiterstandbild in Stein
verewigt: Ein Urahn des amtierenden Fürsten spaltet einem gegnerischen Türken
mit einem gewaltigen Schwerthieb den Schädel. Als Exekutivorgan des einstigen
Schwertadels empfindet sich auch Joschko, in Imre erkennt er den osmanischen
Feind, der nach Rache für seine Niederlage dürstet.
In einem Roman, der gleichsam resigniert eine feudale Macht beschreibt, die
sich der längst fälligen Abdankung so gelassen wie erfolgreich widersetzt, kann
die Gegenposition nicht überzeugend von einer bürgerlichen Opposition ausge-
hen, sondern nur von einer archaischeren Gewalt, die sich der Aristokratie nicht
auf politischem, sondern auf einem existenziellen Terrain widersetzt. Die wahre
Gegenspielerin des Fürsten ist Marischka, eine ›Zigeunerin‹,21 eine zeitweilige Ge-
liebte des Fürsten, ausgestattet mit allem, was vier Jahrhunderte Klischeegeschich-
19 | Vgl. dazu Doppler, Alfred: George Saiko: ›Auf dem Floß‹. Literatur als Reflex und Produ-
zent der Erinnerung. In: Sprachkunst 34/2 (2003), S. 249-257, hier S. 251.
20 | Vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke in 20 Bänden. Bd. 3: Phänomenologie des
Geistes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970, S. 145-155.
21 | Die meisten Roma und Sinti verbieten sich mit guten Gründen die diskriminierende
Bezeichnung als Zigeuner – ich übernehme hier die Bezeichnung, die von den literarischen
Texten verwendet wird, im ausdrücklichen Interesse, die mit dieser Bezeichnung implizierten
und bei Lesern und Leserinnen insinuierten Vorurteile namhaft zu machen. Vgl. ausführlicher
zu dieser Problematik Brittnacher, Hans Richard: Leben auf der Grenze. Klischee und Faszi-
nation des Zigeunerbildes in Literatur und Kunst. Göttingen: Wallstein 2012.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur