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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Hans Richard Brittnacher408 entlegeneren Sümpfen die anderen Mitglieder ihres Stammes, zu denen sie sich ge- legentlich begibt, wenn sie Rat oder Zuspruch braucht. Will der Fürst Joschko dort aufsuchen, wo dieser mit der ihm anbefohlenen Frau Marischka zusammenlebt, muss er den Weg durch unwegsames Gelände nehmen, um die Hütte am Ran- de des Sumpfes zu erreichen, »hinten am Teich, wo er sich in einem morastigen Schilfbruch verliert« (S.  122). Wer so wie Marischka mit dem Sumpf vertraut ist, weiß auch um das Geheimnis der Schwere – so wie sie Steine auf ihren Fetischen appliziert, die alle vitalen Kräfte ins Chthonische ziehen, so weiß sie auch um den Sumpf, der alles, was ihm gegeben wird, zuverlässig in seine unergründliche Tie- fen aufnimmt. Nach der erfolgreichen Beseitigung des Leichnams flieht Marischka mit Imre zu ihrem Stamm, und als Imre sich nicht mit den zigeunertypischen Usancen abfinden will, wird auch er von den sumpfkundigen Zigeunern so in die Irre geführt, dass er dort versinkt: Imre springt, und der Stein war niemals ein Stein, sondern etwas, das sofort nachgibt. Die Stelle ist so tief, daß Imre bis an den Hals im breiigen Schlamm versinkt. Er beginnt zu schrei- en, laut, mörderisch, unmenschlich. […] Dann bricht das Schreien plötzlich ab und der ver- sinkende Kopf Imres verursacht kaum ein Geräusch. (S. 506f) Die soziale Hierarchie findet nicht nur ihre raumspezifische, sondern auch körper- sprachliche Entsprechung: Während der Fürst reitet und paradiert, während Josch- ko, mit Stab und im grünen, goldbesetzten Mantel, kerzengerade steht, während die Kammerdiener in intriganter Geschäftigkeit huschen und sich bücken, gehört es zur zaubernden Zigeunerin, dass sie hockt und kauert. Wann immer der Blick des Erzählers oder der Figuren im Roman auf sie fällt, hockt sie auf dem Boden, mit ihrem Zauber beschäftigt: »Sie hockt auf der Schilfmatte, die vor der Bank neben dem Eingang liegt, sie hockt und wartet und hat ihre Ketten und bunten Steine angelegt. […] Marischka ist still und wartet […]« (S.  130), eine rachsüchtige Penelope im Sumpf, die weiß, dass ihre Stunde kommen wird. Ihr Hocken und Kauern zeigt, dass sie mit den Elementen im Bunde ist, mit ihrem Kauern saugt sie die Lebenskraft aus Joschko heraus und gibt sie an den Sumpf, ihren Lebens- grund, weiter: »Marischka hockte auf der Matte und stützte sich mit den Knöcheln der Hände auf den Boden, die Augen weit offen. Vielleicht kam all das aus ihr, die- ses immer kraftloser ins Einsame zuckende Verfließen, eintönig und verhüllend, vielleicht auch nahm sie es auf, sog sie hinein, dumpf schwingend […].« (S.  421)31 Im Wettbewerb der beiden Fetischzauberpraktiken gegeneinander – dem, den Marischka am ›Silbernen‹, dem Puppendouble des Fürsten, verübt, und jenem, mit dem der Fürst dem Kadaver Joschkos zu ewigem Leben verhelfen will – setzt sich Marischka durch. So sehr Saikos Roman auch die kritische Autopsie einer vergangenen Welt betreiben will, die sich nur in dem Maße emanzipieren kann, wie es ihr gelingt, sich der bedrängenden Lasten der Vergangenheit zu entledigen, sie aufzuarbeiten, begünstigt auch er einen nostalgischen Blick auf einen trans- kulturell lebendigen Vielvölkerstaat: Das Einvernehmen der Aristokraten – u.a. des weltmännischen Fürsten Alexander, der lange an der französischen Riviera leben- den Marie Tremblaye und schließlich des aus Russland vertriebenen Aristokraten Eugen – stellt bei aller affektiven Gärung doch ein Modell funktionierender Zivili- 31 | Vgl. auch die Ausführungen auf den Seiten 122, 151, 205, 446, 559.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Title
Transdifferenz und Transkulturalität
Subtitle
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Authors
Alexandra Millner
Katalin Teller
Publisher
transcript Verlag
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Size
15.4 x 23.9 cm
Pages
454
Keywords
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Category
Kunst und Kultur
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