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Identität und Alterität im transkulturellen Raum: das Beispiel Triest 419
lität akzeptiert habe und bereit sei, sich auf das Experiment einzulassen.20 Dies
zeigt, dass radikale Veränderungen in Triest möglich sind, und gibt Anlass zur
Annahme, dass die Nähe der kulturellen Eigenwahrnehmung zur Thematik der
Alterität, das Triestiner Bewusstsein des eigenen Andersseins, in besonderer Weise
auf diese Entwicklung Einfluss genommen haben könnte.
Der Sozialarbeiter in Ballando con Cecilia erzählt in mehreren Selbstreflexio-
nen seine Ängste, die mit Kindheitserinnerungen verbunden sind und über die
er Vorurteile aufgebaut hat. Die ersten Begegnungen mit ›den Anderen‹ (den ehe-
maligen Psychiatriepatienten und -patientinnen) empfindet er daher als irritierend
und deren Verhalten als eigentümlich. Die Erzählung macht diese Begegnungen
erfahrbar, zwingt den Erzähler, sich ständig neu zu positionieren und auch seine
bisherigen Ordnungssysteme zu entmachten, um sich auf den Wahnsinn einzu-
lassen. Nach dieser Konfrontation und dem Kennenlernen werden die anfangs als
Kreaturen wahrgenommenen Wahnsinnigen wieder vermenschlicht. Es entwickelt
sich ein Prozess, in dem nicht nur individuelle Geschichten erzählt werden, son-
dern auch den Wahnsinnigen eine Stimme und eine Identität gegeben werden.
Die Stimme der ›Anderen‹ wird von Cecilia verkörpert, zu der der Ich-Erzähler ein
besonderes Verhältnis aufbaut, weil er der Einzige ist, der es schafft, sie aus der
Reserve zu locken und sie zum Sprechen zu bringen. Sie gibt Einblick in die andere
Perspektive, bleibt allerdings der Stimme des Binnen-Ich-Erzählers untergeordnet.
Die Erzählung der verrückten Cecilia ist ein innerer Monolog, der formal durch
kursiv gesetzte, in die Handlung eingeschobene Absätze gekennzeichnet ist. Der
Blick auf die Anderen relativiert sich hier also über zwei Erzählpositionen, einer-
seits über die Einschübe der anderen Perspektive – der Alterität wird eine eigene
Stimme verliehen –, andererseits schafft es der Ich-Erzähler mittels Teilnahme und
Selbstreflexion, seinen Blick von den vorgefertigten Ordnungen zu befreien und
ihn auf die Gesellschaft zu richten, die ihm plötzlich traurig und trügerisch er-
scheint.21 Hier wird verdeutlicht, dass die Erfahrung mit dem Wahnsinn und die
mentale Befreiung von anerzogenen Denksystemen dem ›Anderen‹ eine Freiheit
wiedergeben können. Gleichzeitig bringen diese neu zugelassenen Denksysteme
auch dem Betrachter, dem Beobachter, dem Außen, einen persönlichen Zugewinn.
Die beiden Erzählperspektiven verschwimmen zum Schluss, so dass nicht mehr
eindeutig ist, wer nun erzählt. Auch dieser Ausgang indiziert eine Konstruktion
der Identität über die Alterität.
Doch dieser Roman geht viel weiter: Identität wird nicht nur in Abgrenzung
zur Alterität hergestellt – die Konfrontation mit der Alterität bewirkt in dem Prota-
gonisten eine Veränderung. Er fühlt sich am Ende des Romans den ›Anderen‹ zu-
gehörig und empfindet nun eine Distanz zur Außenwelt.22 Hiermit wird deutlich,
dass Identität nicht als festes Konstrukt gesehen wird, sondern einem stetigen Pro-
zess unterliegt und sich immer neu formiert. Die Erfahrung mit dem Wahnsinn
20 | Vgl. Zehentbauer, Josef: Als Einleitung ein Gespräch mit Franco Basaglia. In: ders.: Die
Auflösung der Irrenhäuser [1987]. Frankfurt a.M.: Mabuse 1990, S. 21-34, hier S. 22.
21 | Vgl. Roveredo, Pino: Ballando con Cecilia. Trieste: Lint 2000, S. 80ff.
22 | Vgl. z.B.: »Però io, in quella consuetudine, cominciavo a stare schifosamente male!
Male perché, dentro le spinte e gli incroci del giorno, non riuscivo a trovare un angolo che
assomigliasse alla sensazione naturale che avevo trovato e provocato nella piccola casetta
dell’ex Manicomio.« Ebd., S. 80.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur