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Maren
Ahlzweig420
hat den Sozialarbeiter sich öffnen lassen, er versucht der Andersheit zu begegnen
und sich auf sie einzulassen: nicht zu kategorisieren, Grenzen zu ziehen, sie ein-
zuordnen oder zu verstehen, sondern einfach nur, sich ihr zu nähern und sie an
sich heranzulassen.
4. DaS verSchmutzte DenKen Von ingram harTinger
Auch in dem Roman Das verschmutzte Denken (2014) von Ingram Hartinger geht es
um die Auseinandersetzung mit dem ›Anderen‹. Diese Auseinandersetzung, die
auch die Suche nach dem eigenen Ich impliziert, findet über die einzelnen Lebens-
stationen des Protagonisten statt, zu denen u.a. auch Triest gehört.
Direkt zu Beginn des Romans wird festgestellt, dass der Protagonist Joris Eb-
ner keine Identität hat.23 Die anfängliche Verworrenheit des Textes, die sowohl die
Orientierung der Leserinnen und Leser als auch die Verortung der Figuren er-
schwert, löst sich während des Leseprozesses immer mehr in Klarheit und gedank-
liche Ordnung auf. Der Text entpuppt sich als die Suche nach der eigenen Identität
Ebners. Über die Reflexion, die nur mit Sprache und durch den Schreibprozess
möglich ist, erhofft sich der Protagonist, zu seinem Ich zurückzufinden, das ihm
auf seinem Lebensweg verloren gegangen zu sein scheint. An mehreren Stellen des
Textes wiederholt er, dass ihm die langen Jahre, in denen er als Psychologe in einer
Anstalt gearbeitet hat, seine Identität genommen haben. Es ist die erdrückende
Ordnung der Anstalt, die keine Fehltritte verzeiht, die strikt nach akademischen
Regeln geführt wird, die ihn »krank« gemacht habe,24 in der man »den Geist ver-
trieben«25 habe. Gleichzeitig wird die Position des Psychologen oder auch Arztes in-
frage gestellt, wenn der Psychologe, der Spezialist des Geistes, seinen eigenen Geist
überhaupt nicht versteht.26 Die Position des Arztes oder Psychologen wird hier in
antipsychiatrischer Tradition als Machtposition gezeigt27 (die dann – wie sich an
späterer Stelle herauskristallisiert – auch als solche durch den leitenden Arzt W.
missbraucht wird). Die Beteiligung am System der Macht und der Unterdrückung
wird als Verrat an dem anders denkenden Ich gesehen:
23 | Vgl. Hartinger, Ingram: Das verschmutzte Denken. Eine Saxofonie. Klagenfurt/Celovec:
Wieser 2014, S. 7.
24 | S. u.a. ebd., S. 69 oder auch S. 83: »Er fühlte sich, kaum dass er in den Orden eintrat,
gefoltert und gequält von der Angst, er würde im Stich gelassen werden in dem katastro-
phalen Taumel der Zunft. Zuletzt war er kein Mann mehr, auch keine Frau. Roboter. Und die
Gesellschaft duldet nur den fachlichen Tiefsinn, nicht jedoch das formal oder gedanklich
Schwere jenseits der Akademien.« Diese Textstelle bringt das Gefühl der Unterdrückung zur
Sprache, das die starre Ordnung der Anstalt verursacht und dem Protagonisten das Gefühl
des Körperlichen nimmt.
25 | Ebd., S. 122.
26 | Vgl. ebd., S. 7f.
27 | Vgl. hierzu auch folgende Textpassage: »Patient Ebner ist er. Plötzlich war ihm klar – die
Wirkung ergab sich aus dem Ort Krankheitsfabrik und nicht aus der Person. Es war der Ort
der autoritären Position, das ›übergeordnete Management‹, das sich über alles stülpte, Quell
einer Art absoluten Macht, die Subduktionszone. Jeden Tag ein Erdstoß aus dem Inneren der
Gesellschaft.« Ebd., S. 152.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur