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Maren
Ahlzweig422
Ich ist, vor allem sein ›naturbelassenes‹.«35 Das Andere verkörpert das freie Ich,
das in der Anstalt und durch die gesellschaftliche Ordnung unterdrückt wird – ein
Gespräch mit diesem Ich wird stets durch die Umstände der Klinik unterbunden.36
Ebners Gedanken prägt eine Todessehnsucht, die allerdings nicht unbedingt
ein Ende, sondern genauso gut einen Neuanfang bedeuten kann, denn der Tod
des maskierten Ich könnte die Chance implizieren, sein »naturbelassenes« Ich zu
finden, wenn er nachsinnt:
Was ist »mein Weg«, so fragt sich der in ihm sich selbst Ähnliche. Das bist du, ferner Abwe-
sender, mit deinem Gemurmel. Dein Vogel ist ausgeflogen, er nistet nicht mehr hier in deiner
Nacht. Und stirbst jede Sekunde und fühlst dich sonst wie deine Hand, die nichts von Spra-
che weiß. Schnee fällt auf ihn und lässt ihn an einen Verstorbenen denken. Der Schnee, sein
Todfeind. Auch er will sein Ich begraben, so wie der Hingeschiedene es tat.37
Die Suche nach dem Ich impliziert auch die Suche nach einem neuen beziehungs-
weise anderen (ehemaligen?) Denken – »erratisch und extravagant, inständig um
neue Konfigurationen außerhalb des gewöhnlichen kulturellen Zusammenhangs
bemüht«.38 Es ist die Trägheit, die Passivität in Bezug auf das System – das System
Gesellschaft, das System Anstalt, das Konzept von Krankheit und Normalität –,
die ihn an sich zweifeln lässt. Diese Passivität steht besonders in Bezug zu seinen
Jahren in der österreichischen Anstalt, die er »Krankheitsfabrik«39 nennt. Öster-
reich verbindet Ebner mit »rückwärtsgewandten politischen Verhältnissen«.40 Dem
gegenüber steht seine Jugendzeit in Triest, in der er zwei Jahre als ehrenamtlicher
Helfer die Psychiatrieöffnung unterstützt hat. Jene Zeit beschreibt er als dyna-
misch, bewegt, voller Hoffnung, Elan und Tatendrang. Der ›Triestiner Logos‹ des
Kampfes für ein seine eigene Autonomie entwickelndes Subjekt wurde für Ebner
gar »daseinsbestimmend«.41 Triest steht in dem Text nicht nur symbolisch für Frei-
heit, für die Auflösung von Ordnung und für Rebellion gegen Unterdrückung – es
steht im Text auch für die Jugend des Protagonisten, und damit für das Leben, wäh-
rend Österreich als repressives System dargestellt wird, in dem die Freiheit verloren
geht und der Tod sich als omnipräsent zeigt. Diese Reflexion über Leben und Tod
bildet die dichotomisch geprägte Konstituente des Textes. Die Pluralität des vergan-
genen österreichischen Vielvölkerstaates wird als verqueres Paradoxon dargestellt,
wenn die slovenische Komponente an mehreren Stellen im Text das Unterdrückte
verkörpert – z.B. Zugwitz, der »Slowenisch Sprechende«,42 dem er im Kranken-
haus begegnet. Auch Zugwitz, Kärntner Slovene, hat »nach Sprache gesucht«.43
Diese ständigen Rückbezüge verdeutlichen hier die metaphorische Bedeutung des
geografischen Raums, denn Sprache ist in diesem Text die einzige Möglichkeit zur
35 | Ebd., S. 59f.
36 | Vgl. ebd., S. 145.
37 | Ebd., S. 67f.
38 | Ebd., S. 64.
39 | Ebd., S. 88.
40 | Ebd.
41 | Ebd., S. 169.
42 | Ebd., S. 115.
43 | Ebd., S. 133.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur