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Identität und Alterität im transkulturellen Raum: das Beispiel Triest 423
Selbstfindung und bedeutet gleichzeitig auch Freiheit. Der Exkurs in Zugwitz‹ Le-
ben44 ist einer der wenigen Momente des Textes, in denen die Sprache konkret
wird. Neben den Schilderungen von Lebensereignissen wird ein Zugang zu den
Kriegsereignissen geschaffen und der Kampf der Unterdrückten gegen die Unter-
drücker plastisch veranschaulicht.45 Dieser Abschnitt weicht sprachlich von dem
ansonsten überaus poetischen Wortrepertoire (»Dunkelschrift«,46 wie Ebner es
nennt) ab, dessen metaphorische Komponente zwar viele Assoziationen erlaubt,
es dem Leser oder der Leserin aber erschwert, den Inhalt zu erfassen. Das hohe
Maß an Leerstellen ermöglicht eine besonders individuelle Sichtweise auf den Text,
gleichzeitig stechen vor diesem Hintergrund die oben erwähnten, konkret ausfor-
mulierten Stellen umso deutlicher heraus.
Da die Triestiner Zeiten in Ebners Jugend der Vergangenheit angehören und
der Protagonist zwar in herrlichen Erinnerungen schwelgt, diese aber nicht mehr
wiederherstellen kann, findet er Freiheit nur in der Poesie.47 Sprache ist für ihn der
Weg zur eigenen Identität, zugleich der Weg aus den Suizidgedanken. Die Frei-
heit der Sprache findet er jedoch nur im schriftlichen Ausdruck, denn das »Reden,
findet er, befiehlt, setzt Grenzen, überredet, organisiert die Übergänge, hält einen
als Geisel«,48 aber die Schrift hält er für ein »zentrales Erkenntnismittel«.49 Die
Sprache, die er sucht, ist das »fragende Wort«.50
5. marginalisierung und heTeroTopie
Alle drei Romane beschreiben marginalisierte Figuren und heterotope Räume.
Sie sind durchsetzt von Alteritätserfahrungen und definieren das Eigene über das
Andere: Bei Jelinčič geht es um die Außenwahrnehmung des Protagonisten, die
alleine bestimmt, ob er schuldig ist oder nicht, bei Roveredo verschwimmt die
Außenwahrnehmung der einzelnen Figuren. In Hartingers Roman betrachtet
sich das Ich selbst aus einer Außenperspektive und fühlt sich fremdbestimmt. Die
Erfahrung mit dem Anderen wird in den Romanen nicht nur als innerer Wand-
lungsprozess dargestellt, sondern insbesondere auch als Möglichkeit, als Chance
verstanden, denn während Roveredos Protagonist sich seiner Vorurteile entledigt,
können die Protagonisten in Hartingers und Jelinčičs Roman in der extremen Kri-
se den Weg zurück zu sich selbst einschlagen. Es ist die Erfahrung der Alterität die
hier die Protagonisten psychologisch verunsichert, gleichzeitig die Ordnung der
literarischen Texte aufbricht und so auch eine Verunsicherung in dem Leser oder
der Leserin erzeugt. Diese Verunsicherung kann allerdings eine positive Konno-
44 | Vgl. ebd., S. 132-139.
45 | Dies wird auch durch die Verwendung des Begriffes »Assimilierung« deutlich: »Ja, er
kenne die hier lebenden slowenischen Autoren Lipuš, Januš, Kokot, und er sagt, die Assimi-
lierung der Kärntner Slowenen an ›deutsches Kulturleben‹ sei bald schon eine vollständige.«
Ebd., S. 134.
46 | Ebd., S. 149.
47 | Vgl. ebd., S. 162.
48 | Ebd., S. 150.
49 | Ebd., S. 258.
50 | Ebd., S. 257.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur