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8.4. DIE BIBLIOTHEK ALS WISSENSCHAFTLICHES INSTRUMENT 423
Der Vergleich zu anderen Universitäten zeigt, dass der Vorgang nicht ein-
zigartig war, sondern etwa auch an der Wiener Universität der Senat ver-
suchte, mit Zuerkennung des Selbstverwaltungsrechts durch die Reformen
von 1848/49 mehr Einfluss auf die Bibliothek zu gewinnen, insbesondere bei
der Nachbesetzung vakanter Stellen.110
Für Bibliothekar Scherer hatte die unnachgiebige Haltung im Übrigen
auch Konsequenzen, denn noch während der Streit um die Anschaffung der
Bücher schwelte, teilte Unterstaatssekretär Joseph Alexander von Helfert
dem Statthalter Erzherzog Karl Ludwig mit, man möge Martin Scherer die
Pensionierung nahe legen. Denn, so liest man in dem Schreiben:
Leider hat aber die Erfahrung gelehrt, daß der Vorstand dieser Universi-
täts-Bibliothek Martin Scherer, so sehr auch seine Thätigkeit und sein un-
verdrossener Eifer anerkannt werden muß, bei seinem vorgerückten Alter
nicht mehr der Mann sei, welcher die erforderlichen Geschäftseinsichten und
Elasticität des Geistes besitzt, um einem so wichtigen Institute, wie das einer
Universitäts-Bibliothek mit gedeihlichem Erfolg vorzustehen und es zu leiten.
Scherer hat zu wiederholten malen bewiesen, daß es ihm an der unerläßlichen
Eigenschaft eines jeden Geschäftsmannes gebreche, Gesetze und Verordnun-
gen richtig aufzufassen und anzuwenden.111
Helfert nannte als Grund für diese Entscheidung ausdrücklich auch die
wichtige Rolle der Bibliotheken für die Universitäten, denn „durch die neuen
Reformen der höheren Studien haben auch die Bibliotheken als vornehmli-
che Hilfsmittel derselben, eine erhöhte Bedeutung erlangt.“112 Daher benö-
tige die Innsbrucker Bibliothek eine neue tüchtige Führung, so Helfert.
Als nach erfolgter Pensionierung Scherers die Nachbesetzung der Bib-
liothekarsstelle anstand, versuchte der Innsbrucker Senat abermals Ein-
fluss auf das MCU zu nehmen und schlug in einem langen Gutachten Ignaz
Zingerle, der die vorläufige Leitung der Bibliothek übernommen hatte, als
definitiven Vorstand vor. Neben dem oben schon erwähnten Grund wurde
das besonders gute Verhältnis von Zingerle zum Professorenkollegium ange-
führt: Zingerle sei schließlich vorher schon hier an der Anstalt gewesen und
daher auch mit den Professoren und deren Bedürfnissen sehr vertraut.113
110 Vgl. Pongratz, Geschichte der Universitätsbibliothek Wien, S. 77.
111 Scherer an Karl Ludwig, Innsbruck 01.06.1857, Statthalterei, Präsidium, 1625 ad
1129/1857, Tiroler Landesarchiv.
112 6890/365. Helfert an Karl Ludwig, Wien 21.04.1857, Statthalterei, Präsidialakten,
1129/1857, Tiroler Landesarchiv.
113 Ficker an Statthalterei, Innsbruck 01.01.1859, Statthalterei Studien 660/1859 (einsortiert
unter 4726/1858), Tiroler Landesarchiv.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Title
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Subtitle
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Author
- Christof Aichner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 512
- Keywords
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen